23.09.2016

Dein Name

Durch Zufall stößt der Romanschreiber in Navid Kermanis Roman "Dein Name" auf Jean Paul, nach dem er - der Romanschreiber - schnell so süchtig wird wie der Schreiber dieser Zeilen nach dem 1229 Seiten umfassenden, vom Verleger "Riesenknödel" getauften Koloss. Um es auf den Punkt zu bringen: ein solches Buch habe ich noch nicht gelesen. weiterlesen

09.09.2016

One more time with feeling

Nur ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes hat Nick Cave gestern den erstaunlichen ersten Teil eines Gesamtkunstwerks veröffentlicht, das Trauer und Schmerz in einem - es kann nur so sein - unermesslichen Kraftakt den denkbar intensivsten Ausdruck verleiht. Eine große, schmerzhafte Liebeserklärung. Ein ehrlicher, ungeschönter Blick in den Spiegel. weiterlesen

10.08.2016

Schweigen

Denke ich an Japan, fällt mir, natürlich, zunächst der Zen-Buddhismus ein. Christenverfolgung? Das war mir neu. Der japanische Schriftsteller Shūsaku Endō hat dieses grausame Kapitel der japanischen Geschichte zum Anlass für ein sehr persönliches Buch über den christlichen Glauben genommen - ein spannender geschichtlicher Roman, ein ungeschminkter Blick in menschliche Abgründe und eine leise Meditation über Kernfragen des (christlichen) Glaubens. weiterlesen

12.07.2016

Briefe aus der Bretagne (5)

Endlich ein richtiger Reisebericht! Ausflüge und Sehenswürdigkeiten rund um Ploumanac'h. weiterlesen

10.07.2016

Briefe aus der Bretagne (4)

Weitere Koller: der Bergfest-Koller. 1 Der halbe Urlaub ist vorbei, und die Zeit rinnt uns wie Sand durch die Finger. Nein, wir haben keine Wanderungen unternommen, auf denen die Anstrengung durch atemberaubende Ansichten und unvergessliche Erlebnisse belohnt wurde. Nein, wir haben uns die Bäuche noch nicht genug mit Crèpes und Galettes vollgeschlagen, und auch Muscheln haben wir noch keine gegessen - dabei sitzen wir fast jeden Tag im Le Mao! Baguettes, Pain au Chocolat, der unnachahmliche Far Breton - alles noch nicht genug vertilgt. Endlich können wir uns die Kostbarkeit dieses Urlaubs bewusst machen, indem wir die Tage rückwärts zählen! Last Chance!

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Oder: der Langeweile-Koller. Seit einer Woche sitzen wir in diesem beschaulichen Fischerdorf, das auf sagenhafte Weise von den großen Touristenströmen verschont geblieben ist. (Obwohl Ploumanac'h 2015 zum village préféré des Francaises ernannt wurde.) Die immer gleichen Spaziergänge zwischen Hafen, Felsen und Strand, die Lieblings-Crèperie steht fest, selbst der Chef des Le Mao kennt uns mittlerweile. Und wie von Zauberhand ist inmitten des Gewühls unser "Stammtisch" immer frei, so dass Silja mit einem Blick über die Theke der Crèpes-Fee auf die Finger schauen kann. Nichts Neues unter der Sonne, nur das Wetter vermag uns zu überraschen.

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Stimmt: den Regen-Koller gibt es noch, der stimmt hier aber dank des hauchfeinen immer nur Minuten andauernden Regens, der dann unversehens von der Sonne abgelöst wird, eher versöhnlich.

Und, aller Herzlichkeit und dem Ausscheiden bei der EM zum Trotz: den Franzosen-Koller darf man auch mal haben - spätestens, wenn die tief im kulturellen Unbewussten verankerte Einparkweise zu abgefahrenen Rücklichtern beim Fahrradgepäck-Träger unseres ganz unschuldig und friedlich in der Rue du Centre parkenden Autos führt. Ein Schaden, der tags darauf allerdings für eine kleine (schwarze) Zahlung in die Kaffeekasse von der örtlichen Werkstatt flugs behoben wird - auch dieser Unmut löst sich also in Luft auf.

Kurz: Es geht gut, nur eine leise melancholische Stimme schwingt sich ab und zu auf, die von Heimkehr säuselt.

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  1. Über den Familien-Koller hatte ich hier geschrieben. 

06.07.2016

Briefe aus der Bretagne (3)

abend

Tag Fünf in Ploumanac'h. Familienkoller. Sehnsucht nach Freiheit. Der Freiheit, abend bis zum letzten Sonnenstrahl am Strand zu sitzen, mit Wein und Zigaretten - wie "damals" - statt Runde für Runde den Kinderwagen durch's Dorf zu schieben, weil die Kleine nicht schlafen will. Der Freiheit, an einem Ort sein zu können ohne Beschäftigungsprogramm, mit nicht als einem Buch. Der Freiheit, einfach loszufahren, die Küste entlang, bis man sich irgendwo in der Schönheit der Landschaft verliert. Es reicht für einen Kaffee in der Bar nebenan und ein paar Zeilen aus dem obligatorischen Handke.

Ich habe vor der Abfahrt lange gerungen, noch einmal Mein Jahr in der Niemandsbucht mitzunehmen, das mich auf meiner letzten Fahrradtour durch Frankreich, auch schon wieder über 15 Jahre her, begleitete. Ich tat gut daran, auf den Roman zu verzichten - von den soeben erschienenen Aufzeichnungen aus der Peripherie schaffe ich in den zwei Wochen gerade mal 30 Seiten.

Es gibt keine Lösung außer die der Geduld. Es gibt keine Lösung außerhalb der Geduld,

lese ich, und:

Ich habe Zeit, und es wird Tag

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Die Tage beginnen gegen halb sieben, wenn die Kleine im Bett steht und nach Beschäftigung - und bald auch nach dem Frühstück - ruft. Bis der Bäcker um 8 Uhr öffnet, haben ich oft schon den ersten Rundgang mit dem Kinderwagen hinter mir, der in der Bestellung zweier Baguettes und mehrerer Croissants gipfelt. Ploumanac'h erwacht da gerade erst. Bis zum Abendessen dann Ausflüge, Strandleben, Mittag (oft im Le Mao, der größten Crèperie am Ort), Klettertouren, Besorgungen. Am Abend dann schiebt oft genug einer das kleine Kind, während das große beschäftigt werden will. 22 Uhr fallen wir meist gleichzeitig mit Silja ins Bett. Wir haben viel Zeit.

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Auch wenn mir mein vor Erwartungen strotzendes Ich anderes erzählen will: Immer wieder, ganz unverhofft, öffnet sich der Tag, nicht nur beim Kaffee auf der Terrasse der Bar, steht die Zeit still, bin ich ganz Gegenwart. Nie waren wir so frei, so unbeschwert und irgendwie auch so selbstverständlich wie hier am Ende der Welt. (Das Finistère liegt allerdings noch ein paar Kilometer weiter westlich.) Selten waren wir uns so nah, Überforderung und permanente Auseinandersetzung inbegriffen. Der Traum vom Familienurlaub: so sieht er aus.

Morgengebet in einem (1) Wort: "Laß!" (Handke)

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04.07.2016

Briefe aus der Bretagne (2)

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Am Abend geht über dem Meer die Sonne auf. Den Tag über tristes Grau und Regen, nur dass selbst die Tristesse in diesem Landstrich strahlt: in tiefem Grün die Bäume, und die Hortensien machen dem Himmel Konkurrenz!

Noch als wir nach dem Abendbrot zum Meer gehen, ist nur ein schmaler Streifen blauen Himmels am Horizont zu sehen. Dann aber, innerhalb von Minuten, dehnt sich der Himmel in sattem Blau über uns, und die Abendsonne blendet nicht nur, sie wärmt.

Abend für Abend verschiebt sich der Höhepunkt der Flut um fast eine Stunde. (Der Reiseführer weiß: Alle 12 Stunden und 25 Minuten steigt das Meer an.) So ist der Plage de St. Guirec heute bis an die Mauern mit Wasser bedeckt, Oratorium und Granitbrocken sind trockenen Fußes nicht erreichbar. Wir entscheiden uns, die Felsen zur Bastille zu besteigen - der altbewährte, in den vergangenen Tagen in flotten Sprüngen und schnellem Lauf zurückgelegte Rundgang von Kletterfelsen zu Kletterfelsen.

Allerdings rennt Silja dieses eine Mal nicht davon, sondern lässt sich mit mir gleich unterhalb der Kapelle auf den Steinmauern nieder.

Frieden. Meine Tochter und ich im warmen, hellen Schein der vor uns untergehenden Sonne. Vereinzelt Menschen in der Bucht, am Strand, auf den Wegen am Hang. Kajakfahrer auf dem glatten Meer, Vögel, Rauschen, der klare Abendhimmel. Da sitzen wir nebeneinander und blicken auf die vom warmen Licht verwöhnte Felsenbucht.

"Papa, ich weiß, wann die Natur gemacht wurde. Im Jahr Null."

Wir beginnen ein Gespräch über die Zeit - oder besser über die Zählung der Jahre. Ich veranschauliche meiner Tocjter den Zeitverlauf von Sokrates über Jesu Geburt bis heute anhand einer Reihe von Steinchen. Ein Moment tiefster Ruhe, größten Glücks.

Durch den Sonnenscheint hüpft Silja dann die Gassen entlang zur Wohnung in der Rue de Centre. Glücklich das Kind, müde - und glücklich - der Vater.

Eine weltumspannende Sprache: die der Kinderhüpfschritte (China - Alaska - Feuerland),

lese ich tags darauf bei Peter Handke, meinem verlässlichen Begleiter auf (bisher) fast jeder Reise.

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oratorium

02.07.2016

Briefe aus der Bretagne (1)

1996

Es war 1996. Ich saß mit einem Freund und der obligatorischen Flasche Rotwein an einem Strand an der Südküste der Bretagne. Ein weiterer Tag unserer Fahrradtour durch Westfrankreich ging mit Blick auf die untergehende Sonne zu Ende; wie jede Nacht würden wir am Strand schlafen und schon früh am Morgen wieder unterwegs sein. Ausgelassenes Familienleben auf dem während der Ebbe zusehends breiter werdenden Strand: so wollte auch ich einmal hierher zurückkehren.

20 Jahre später: 1500 Kilometer, davon knapp 1000 auf meist erstaunlich geraden französischen Straßen, liegen hinter uns. Am Ende eines verregneten Samstags fahren wir geradewegs in den blauen Himmel: während über dem Land um uns herum der Regen niedergeht, scheint am Hafen von Ploumanac'h die Sonne.

Nachdem wir das Auto geparkt haben, geht der Spaß erst richtig los. Während des Abendbrots in der Crèperie am Hafen zieht sich die Sonne zurück. "Le vent se lève", lacht der Kellner mit Blick auf die vom Wind über die Straße geschleuderten Speisekarten. Dann ein erster Ausflug auf den sentier des douaniers. Die sich am Ende der Straße erhebenden Granitfelsen sorgen für hemmungslose Begeisterung des Kindes und einen unvermittelten Anstieg unseres Adrenalin-Levels. Binnen fünf Minuten wird dieser Urlaub vom Kind "zum besten aller Zeiten" gekürt.

2016

Die Ebbe ist in vollem Gange. Hin und wieder erscheint das Kind zwischen den Felsen am Plage de St. Guirec. Stetig geht der der Wind. Ruhig ist es hier, vor Beginn der Saison sowieso, eine Idylle im Abendschein. So wollte ich hierher zurückkehren, meine ich mich zu erinnern: Wie an einen Traum, den ich vor 20 Jahren von diesem Abend geträumt. Nun sind wir da. Am Strand sitzend, neben mir eine Flasche Cidre, schaue ich über den Strand hinweg meinem Kind zu, wie es die Welt vergisst.

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20.06.2016

Das Buch der von Neil Young Getöteten

Ausgangssituation: die neugeborene Tochter, deren Leiden an der Drei-Monats-Kolik ein Heilmittel kennt. Die endlose, regelmäßige Beschallung mit ausgewählten Songs von Neil Young - in maximaler Lautstärke. Anlass für Navid Kermani, sich auf Spurensuche zu begeben - und einen dieser für den Autor typischen Zusammenhänge zu stiften: zwischen Mystik und Rockmusik. weiterlesen

08.06.2016

Das Reich Gottes

Wie ist der christliche Glaube in die Welt gekommen? Durch welche - sozialen, politischen, philosophischen und auch ganz persönlichen - Bedingungen wurde das Christentum zu dem, wie es sich heute - repräsentiert durch die christliche Kirche - darstellt? Wie kommt man selbst dazu - wider besseres Wissen - zu glauben? Und was kommt, nachdem man diesen Glauben verloren hat? weiterlesen

09.02.2016

Michel Houellebecq: Ökonom

Von der Herrschaft der Individuen bis zum Untergang der Gattung: Bernard Maris über eine "Poetik am Ende des Kapitalismus". weiterlesen

01.02.2016

Einbruch der Wirklichkeit

Wie die Welt nach Deutschland kommt oder vom Wahnsinn des europäischen Asylsystems: Navid Kermani ist unterwegs auf der "Balkan-Route". weiterlesen

15.01.2016

Lazarus

David Bowie ist tot. Mein Versuch, die Verstörung in Worte zu fassen. weiterlesen

27.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (3): Ungläubiges Staunen

Der Klappentext spricht gleich von einer "Islamisierung des Abendlandes". Navid Kermani zeigt eher, wie ein Dialog zwischen den Kulturen aussehen kann: mit kühlem Kopf und warmem Herz, voll Staunen und Begeisterung. Mein Buch des Jahres 2015. weiterlesen

21.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (2): Glaube und Liebe

Nicht unbedingt von öffentlichem Interesse: die Liste der Bücher, die ich gelesen habe. Meine Chronik der gelesenen Bücher mag dennoch manchen zum Verweilen einladen - oder auf neue Bücher stoßen lassen. Ein Thema, das sich durch das letzte Jahr zieht wie ein roter Faden: der christliche Glauben. weiterlesen