02.04.2015

Ahnen

Seit ich aufgebrochen bin zu dieser Reise in die Fremde, zu meinem Vorfahren hin, habe ich ein Bild vor Augen: Ich sehe ein unüberwindbar scheinendes Gebirge, das sich zwischen mir und dem hundert Jahre vor mir Geborenen aufrichtet. Ein gewaltiges Massiv, ein Riesengebirge, angehäuft aus Toten.

Wann hat mich ein Buch zuletzt Nacht für Nacht bis in meine Träume verfolgt? Ich las Anne Webers Zeitreisetagebuch Ahnen während eines Urlaubs in Ägypten. Abend für Abend folgte ich ihren Erkundungen quer durch das 20. Jahrhundert. Kein Wunder, dass die Worte, Sätze und Fragen dieses Buches hängen blieben, sich verhakten, und in der Nacht wiederkehrten - es gab nicht so viele Menschen, mit denen ich am Tag in deutscher Sprache kommunizierte.

Noch dazu spiegelte die nächtliche Lektüre mein Erleben am Tag. In Anne Webers Gedanken zum Deutschtum musste ich mich unweigerlich selbst erkennen, wenn ich den Tag über angesichts ägyptischer Händler, fremder Sitten und der Unübersichtlichkeit des Terrains jenseits der Hotelgrenzen mit meinen eigenen Vorurteilen und, ja, irgendwie auch deutschen Ansprüchen zu kämpfen hatte.

Der Gedanke und die Tat

Anne Weber sucht die Auseinandersetzung mit ihrem Urgroßvater, dem sie in diesem Buch den "Codenamen" Sanderling gibt -

nach einem Vogel, den ich an französischen Küsten oft dem Vor und Zurück des Wassersaumes habe folgen sehen ...

Er ist laut ihrer Beschreibung "der Suchende, der Wahnsinnige, der Haltlose, der Radikale, der Unbändige, der Stürmische", mit einer Biographie voller Brüche, voller Kämpfe; mit Kontakten zu Walter Benjamin, Hugo von Hoffmannsthal, Martin Buber. Nach einer abgebrochenen Beamtenlaufbahn studiert er Theologie und wirkt als Pastor in Ostpreußen, er schreibt eine Abrechnung mit Gott, begrüßt - wie viele andere auch - euphorisch den ersten Weltkrieg, um ihn alsbald - ebenso wie viele andere - zu verfluchen.

Abrechnung mit Gott: Hier hat sich jemand nicht einschüchtern lassen, scheint es. Oder: Hier hat jemand zu viel Nietzsche verschlungen? Womöglich beides. Ich will dem Ernst und dem Größenwahn nachgehen, mit dem diese Worte vor hundert Jahren notiert und doppelt unterstrichen wurden.

Sanderling denkt schon Anfang des Jahrhunderts über Maßnahmen nach, die Jahrzehnte später als Euthanasie umgesetzt werden. Gibt es eine gerade Linie vom Gedanken zur Tat? Ist der Denkende mitschuldig an einem Geschehen weit nach seinem Tod? Sanderling stirbt 1924, nicht ohne zuvor mit einer nahezu vergessenen Schrift namens Deutsche Bauhütte eine Utopie, nein, einen Aufruf zu schreiben, wie die Deutschen nach dem Ende des 1. Weltkrieges nach Europa kommen könnten.

Ein Deutscher - oder: Die Deutschen?

Anne Weber ist gewissenhaft. Sie gibt sich jede Mühe, den Urgroßvater nicht zu verurteilen und ihn nicht vorschnell freizusprechen. Sie ahnt, dass sie ihren Ahnen nicht mit den heutigen Fragen und Wertungen begegnen kann, sondern nur durch wiederholtes, sehr genaues Fragen und Recherchieren, das Widersprüche zulässt und letztlich nicht auf eine einfache Antwort zielt.

Es entsteht das Porträt eines - aus heutiger Sicht - schwer zu fassenden, faszinierenden Menschen. Es entsteht auch das Porträt einer heute fremd scheinenden intellektuellen Kultur. Auf ihrer Reise in diese Zeit reißt Anne Weber zahlreiche Wunden auf, die das 20. Jahrhundert, und nicht zuletzt die Deutschen, verursacht haben.

Aber das Leben eines Einzelnen ist reicher, widersprüchlicher, schwankender als das der Gemeinschaft, es lässt sich nicht mit den anderen Leben zu einem Trend verschmelzen. Sanderling ist den Strömungen ausgesetzt, das stimmt; wie der Vogel, dessen Namen er trägt, läuft er immer nahe am Wassersaum seiner Zeit.


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