06.07.2016

Briefe aus der Bretagne (3)

Tag Fünf in Ploumanac'h. Familienkoller. Sehnsucht nach Freiheit. Der Freiheit, abend bis zum letzten Sonnenstrahl am Strand zu sitzen, mit Wein und Zigaretten - wie "damals" - statt Runde für Runde den Kinderwagen durch's Dorf zu schieben, weil die Kleine nicht schlafen will. Der Freiheit, an einem Ort sein zu können ohne Beschäftigungsprogramm, mit nicht als einem Buch. Der Freiheit, einfach loszufahren, die Küste entlang, bis man sich irgendwo in der Schönheit der Landschaft verliert. Es reicht für einen Kaffee in der Bar nebenan und ein paar Zeilen aus dem obligatorischen Handke.

Ich habe vor der Abfahrt lange gerungen, noch einmal Mein Jahr in der Niemandsbucht mitzunehmen, das mich auf meiner letzten Fahrradtour durch Frankreich, auch schon wieder über 15 Jahre her, begleitete. Ich tat gut daran, auf den Roman zu verzichten - von den soeben erschienenen Aufzeichnungen aus der Peripherie schaffe ich in den zwei Wochen gerade mal 30 Seiten.

Es gibt keine Lösung außer die der Geduld. Es gibt keine Lösung außerhalb der Geduld,

lese ich, und:

Ich habe Zeit, und es wird Tag

Die Tage beginnen gegen halb sieben, wenn die Kleine im Bett steht und nach Beschäftigung - und bald auch nach dem Frühstück - ruft. Bis der Bäcker um 8 Uhr öffnet, haben ich oft schon den ersten Rundgang mit dem Kinderwagen hinter mir, der in der Bestellung zweier Baguettes und mehrerer Croissants gipfelt. Ploumanac'h erwacht da gerade erst. Bis zum Abendessen dann Ausflüge, Strandleben, Mittag (oft im Le Mao, der größten Crèperie am Ort), Klettertouren, Besorgungen. Am Abend dann schiebt oft genug einer das kleine Kind, während das große beschäftigt werden will. 22 Uhr fallen wir meist gleichzeitig mit Silja ins Bett. Wir haben viel Zeit.

Auch wenn mir mein vor Erwartungen strotzendes Ich anderes erzählen will: Immer wieder, ganz unverhofft, öffnet sich der Tag, nicht nur beim Kaffee auf der Terrasse der Bar, steht die Zeit still, bin ich ganz Gegenwart. Nie waren wir so frei, so unbeschwert und irgendwie auch so selbstverständlich wie hier am Ende der Welt. (Das Finistère liegt allerdings noch ein paar Kilometer weiter westlich.) Selten waren wir uns so nah, Überforderung und permanente Auseinandersetzung inbegriffen. Der Traum vom Familienurlaub: so sieht er aus.

Morgengebet in einem (1) Wort: "Laß!" (Handke)


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