19.05.2017

Der Gott in einer Nuß

Ich glaube und springe ab aus wirren Gefühlslagen, aus gärenden Sehnsüchten, aus dem unsteten Ringen um Halt und Wärme, aus Notdurft und Gier, um wie ein Vogel im Aufflug gegen eine unsichtbare Glaswand zu prallen, die völlig klar, aber unüberwindbar ist und dabei den Blick freigibt auf eine ungewisse, nächtliche, aber wohl zutiefst schöne Landschaft in weiter wohltuender Ruhe ...

Dieses "seelische Deaster" ist das Zentrum, um das die "fliegenden Blätter" kreisen, die Christian Lehnert zu den einelnen Elementen der christlichen Liturgie geschrieben hat. Theologische Reflexion trifft auf Autobiographisches, Beobachtungen aus Gemeindeleben und Gottesdienst vermischen sich mit geschichtlichen Exkursen. Kein System, nirgends. Über den Glauben lässt sich - zumindest in der Weise Christian Lehnerts - nur fragend, suchend sprechen.

Diese Suche wurzelt darin, dass der Mensch immer bezogen ist auf ein Außen, auf ein Anderes, Größeres. Die ihm eigene Offenheit zeitigt Fragen und Sehnsüchte. Was verbirgt sich hinter der Glasscheibe? Was steckt in der zu erahnenden Weite? Und was hat das mit mir, meine inneren Enge, zu tun?

Etwas, das sich entzieht.
Habhaftwerden - ein Irrtum.
Klares Benennen - eine irrige Erwartung.

Den christliche Gottesdienst beschreibt Lehnert als Behälter, als leere Form, in der die Erinnerung an Gott (oder die Sehnsucht nach ihm) bewahrt wird. „Jede Erwartung, wenn ich eine Kirche betrete, trifft nur auf Spuren – und eine Spur gibt es nur dort, wo etwas fehlt. Enttäuschung liegt in der Sache. Die Liturgie ist wie eine Fährte im Schnee – flüchtiges Zeugnis eines anwesend-abwesenden Gottes.“

Lehnert gräbt tief in der Geschichte und zapft den, wie er sagt, "historischen Hallraum" an, in dem heutiger Glaube mit Vergangenheit (und Zukunft) verbunden sind. So ermöglicht das in dichter Sprache geschriebene Buch eine intensive Begegnung mit uralten Traditionen - und macht den Wert einer Institution wie der Kirche bewusst. Über den schnellebigen und immer schnelllebiger werdenden Zeitläuften wurzelt christlicher Glaube in Abfolge und Wiederkehr, im Rhythmus der Natur und im Kommen und Gehen der Generationen. Menschen und Schicksale werden schonungslos und liebevoll zugleich mit genauen Strichen gezeichnet: lebendige Bilder von Glauben und Zweifeln, Leiden, Gewalt, Glück, Würdigung und Bewahrung zuglei

Gibt es Gott? Die Frage ist vielleicht nicht relevant. Lehnert beschreibt, wie Gott im Ritus geschaffen, wie er geborgen und verborgen wird. Das Wort Gott "legt über die Dinge des Lebens ein unbekanntes Koordinatensystem, in dem sich Zusammenhänge völlig anders darstellen können."

Die Frage nach "Gott" ist vielleicht bereits die deutlichste Form seiner Gegenwart, und wo er vollmundig bekannt wird, kann er ferner sein denn je.

Diesseits der Glasscheibe bleiben mir nur die leeren Hände, "leerer als jedes System der Welterklärung". Glauben ist Fragen. In Gemeinschaft mit christlichen Mystikern und Zen-Meditierenden führt der von Lehnert eröffnete Weg in und durch die Leere hindurch, aus der sicher geglaubten Behausung hinaus ins Offene. Schwer zu knackende Nüsse sind der Proviant.

Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir. (Angelus Silesius)

Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet. Suhrkamp 2017. Umschlagabbildung: Michael Triegel.


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