31.03.2017

Das Christentum - was man wirklich wissen muss

Nachdem Christian Nürnberger schon einmal dargelegt hat, was man über die Bibel "wirklich wissen muss", liefert er auch im Folgeband, Das Christentum, wie erwartet kein Lexikon der christlichen Geschichte. Auf 300 Seiten eilt er durch 4000 Jahre Kulturgeschichte, nicht um Fakten und Personalien zu vermitteln, sondern um die Bedeutung des Christentums für die heutige Welt zu erforschen. Was man wirklich wissen muss? Die Frage zielt auf eine Essenz der christlichen Botschaft für die Welt von heute.

Ausgangspunkt: die weitgehend befriedete, von gesellschaftlichem Wohlstand und Stabilität gezeichnete westliche Welt, deren Umrisse, so Nürnbergers Beobachtung, sich decken mit denen des christlichen Kulturkreises. Die Botschaft des Christentums als Motor einer Entwicklung hin zum Guten? Ja - und genau deshalb müssen wir die Radikalität dieser Botschaft neu entdecken, so Nürnberger, der in der Folge ein von Mystik und Spiritualität befreites, ganz diesseitiges Christentum beschreibt.

Einspruch gegen den natürlichen Lauf der Welt

Ausgehend von Abraham, dem "ersten Systemkritiker" der Weltgeschichte, über die ("sozialkritischen") Propheten bis hin zu Jesus: Judentum und Christentum sind für den Publizisten und evangelischen Theologen, dessen Wurzeln u.a. in der Katholischen Integrierten Gemeinde und der SPD liegen, egalitäre Bewegungen, die sich gegen den natürlichen Lauf der Welt wenden. Gegen die Auseinandersetzungen zwischen Starken und Schwachen, gegen die Herrschaft von Reich über Arm, gegen Ungleichheit und den Kampf aller gegen aller setzt Jesus mit seiner Interpretation des jüdischen Gesetzes seine radikale Vision des Reichs Gottes:

Gottes Anspruch an die Menschen, in heutigen Worten, lautet: Riskiere den Exodus aus deiner Natur. Befreie dich aus der Sklaverei deiner Gene. Streife die Fesseln deiner Herkunft aus der Urhorde von dir ab. Höre auf, für deine Vitalinteressen zu kämpfen und beginne, für die Vitalinteressen deines Nächsten zu kämpfen. Zerstöre das Produkt der Evolution in dir. Lösche jene genetische Information in dir, die dazu geführt hat, dass sich die Kette deiner Ahnen durchsetzen und zuletzt dich hervorbringen konnte. Vernichte das Programm, dem du deine Existenz verdankst. Töte den alte Menschen in dir.

Das klingt radikal und utopisch. In seinem leidenschaftlichen Essay (der alles andere bietet als schnell aufsaugbares Wissen über den christlichen Glauben) beschreibt Christian Nürnberger, welche Bedeutung eine aufgeklärte, überzeugende, selbstbewusste christliche Kirche für die Welt von morgen haben könnte - indem er zeigt, wie sehr sich die Errungenschaften der Moderne einem ganz und gar unwahrscheinlichen Glauben verdanken.

Christian Nürnberger: Das Christentum. Was man wirklich wissen muss. Berlin 2007


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