14.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (1): Ein Buch wie ein Energy Drink

Das Leben passt nicht zwischen zwei Buchdeckel. Aber es spiegelt sich in den gelesenen Büchern. Das Jahr 2015 bewegte ich mich zwischen Wissen und Glauben: der Nachvollzug einer Auseinandersetzung anhand ausgewählter Bücher.

Der Appell des Dalai Lama an die Welt

Pünktlich zum 80. Geburtstag des Dalai Lama wurde im Sommer ein schmaler Gesprächsband veröffentlicht, der den Aufmerksamkeit heischenden Titel Der Appell des Dalai Lama an die Welt trägt.

Die Grundthese des Büchleins, Ethik ist wichtiger als Religion, mag an einigen sicher geglaubten Grundsätzen rütteln - das Buch indes ist eine ziemlich schwachbrüstige Mogelpackung. Zeitgleich in allen (?) wichtigen Sprachen der Welt veröffentlicht, als erstes Buch eines Verlages, hinter dem ein Getränkehersteller namens Red Bull steht, scheint der jubilierende Friedensnobelpreisträger sein unbestreitbares Wirken dadurch krönen zu wollen, dass er die gesamte Menschheit eint: und zwar durch nicht viel mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Entsprechend dünn ist die Argumentationslinie, die auf den 56 Seiten gleich zweimal - im titelgebenden Appell und in einem Interview mit dem Journalisten Franz Alt - durchgekaut wird. Darin zeigt sich Seine Heiligkeit einmal mehr als „Agent der spirituellen Einfachheit“ und „buddhistischer Basis-Humanist“, wie es Arno Ozessek in seiner Besprechung des Buches formuliert.

Angesichts der Kriege in der Welt und nach dem Terroranschlag von Paris (im Januar 2015), sagt der Dalai Lama:

Ich denke an machen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkuläre Ethik jenseits aller Religionen.

Das muss man sich einmal vorstellen: Das geistige Oberhaupt eines wichtigen Teils einer Weltrelion trifft die Aussage, Religionen seien nur verschiedene Geschmäcker. Es gehe um das Verbindende: eine allen Menschen gemeinsame Neigung zum Guten. Lasst uns also den Tee (den Geschmack) ausschütten und das Wasser (die Essenz) behalten. Es gibt, so der Dalai Lama, ein menschliches Grundbedürfnis nach Mitgefühl - das von den verschiedenen Religionen nur mit unterschiedlichen, verzichtbaren, ja problematischen Geschmäckern angereichert wird.

Kinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als alle Religon.

Es folgen wissenschaftliche Belege und ethische Imperative. Wissenschaftlich belegt sei, so der Dalai Lama, dass Menschen eigentlich nicht auf Wettbewerb sondern auf Kooperation aus sind. Ergo brauchen Sie die Religionen ja gar nicht, die sie bei allem Überdruss auch noch entzweien.

Der Imperativ der Stunde heißt dennoch: Wir müssen lernen, dass wir eigentlich eine große Familie sind. Das geht nur, so der Dalai Lama, im Ethik-Unterricht, das geht nur durch mehr Zuhören, mehr Nachdenken und mehr Meditieren, das geht nur durch Gewaltfreiheit und Feindesliebe. Wir müssen eine säkuläre Ethik entwickeln - dieser Imperativ wird nicht besser oder einleuchtender dadurch, dass ihn der Dalai Lama pausenlos wiederholt.

Das Ziel der säkulären Ethik besteht darin, uns von momentanem wie von langfristigem Leid zu befreien sowie die Fähigkeit zu entwickeln, andere ebenfalls in ihrem Glücksstreben zu unterstützen. Ein Aspekt des Mitgefühls besteht in der spontanen Bereitschaft, für das Wohl andererer zu handeln.

Wie allerdings kam das Konzept der Feindesliebe in die Welt?

Als ich das Buch im Juli las, war ich irritiert darüber, dass dieser Appell bei mir, dem einstigen Atheisten, so viele Fragezeichen produzierte. Ist es nicht super, auf diese ganze Glaubenssache verzichten zu können, weil wir doch eh alle eins sind?

Eine der Grundannahmen des Buddhismus lautet: Alle Wesen wollen glücklich sein. Ja, das eint tatsächlich die Menschen in Ost und West, Süd und Nord. Das Problem ist nur, dass wir alle sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was dieses Glück ist, wie es aussieht und wie es zu erreichen ist. Und weil diese Vorstellungen untereinander sowie mit der Realität konkurrieren, entsteht Leiden.

Nun kann man sagen, und hier vereinfache ich jetzt mal ebenso, wie es der Dalai Lama tut: Wir müssen einen gemeinsamen Nenner (den sprichwörtlich kleinsten) finden, auf den wen wir uns einigen können. Wir müssen unsere Vorstellungen angleichen und unsere Kinder in Gewaltfreiheit erziehen. Wir müssen lernen, von unseren Ansprüchen zu lassen. Wir müssen dem anderen beibringen, seine Ansprüche ebenso zurückzustellen. Wir müssen zuhören, nachgeben, den anderen lieben wie uns selbst …

Nur hat noch nie ein Imperativ, hat noch nie eine von außen an die Menschen herangetragene universelle Moral das bewirkt, was mit ihr beabsichtigt war.

Man kann aber auch sagen: die Religionen in ihrer ganzen Vielfalt und mit ihrer jahrtausendealten Tradition ermöglichen den Menschen eine Erfahrung, die sie vom eigenen Wollen und Müssen erlöst und mit der Möglichkeit eines Glücks vertraut macht, die unabhängig vom Vermögen des Einzelnen existiert. Sie stellt den Einzelnen in den Kontext eines Größeren, Ganzen - und „so Gott will“ wird dies dazu führen, dass der Einzelne mit Liebe statt Hass, mit Achtsamkeit und Mitgefühl durch die Welt geht.

Die Feindesliebe oder auch Nächstenliebe kann nicht bestehen, indem ich mich selbst immer wieder dazu aufrufe; sie basiert auf einer tiefergehenden Erfahrung, sie geschieht mir mehr als dass ich sie erzwinge. Das ist wie mit den Energy-Drinks: Red Bull verleiht vielleicht Flügel - fliegen lerne ich so allerdings nicht.


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