02.12.2016

Die Welt im Rücken

Ähnlich wie Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur zeigt Welt im Rücken, Thomas Melles Blick auf das eigene Dasein als Manisch-Depressiver: Wirklichkeit, oder was wir dafür halten, ist nicht nur ein soziales und kulturelles Konstrukt sondern resultiert aus der Verabredung neuronaler Prozesse, sich in einigermaßen erwartbaren Bahnen zu bewegen. Weicht der Körper von diesen "normalen" Bahnen ab, gerät die Welt in Schieflage (oder, das was wir davon halten): "Etwas stimmt nicht."

Gestern noch hatte es keine Grenzen mehr zwischen mir und der Welt gegeben, totale Auflösung im Rausch der Zeichen; jetzt war ich völlig isoliert von allem um mich herum.

Anstrengung, Verschwendung, Erschöpfung, Lähmung - und dann die Explosion

Melle beschreibt in einer Prosa, die trotz der kühlen Analyse einen gewissen Irrsinn nicht verliert, wie ungesteuerte Neuronen das Denken überschwemmen und in Schieflage bringen: "dann kocht der Gehirnwechsel über, und der Mensch rastet aus." Auftakt der manischen Phase voller Überschwang, Paranoia und Rastlosigkeit. Melle ist, während er den Ausbrüchen seiner Erkrankung seit 1999 folgt, sich selbst auf der Spur. Ursachen und Erklärungen interessieren ihn nur am Rande.

Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern, muss die Ursachen, wenn sie schon nicht abbildbar sind, wenn sie sich in den Konstruktionszeichnungen nicht finden, durch exakte Beschreibung der Unfälle emergieren lassen.

Es entsteht ein furioser, rasender Ritt durch die letzten Jahre, durch Universitätsseminare, Theaterhäuse und Internetblogs; es geht nach London und in die deutsche Provinz, Schlingensief, Blumfeld und Rainald Goetz treten auf. Melle hat alles mitgenommen und ziemlich viel verloren. Die Welt im Rücken, schreibt er gegen das Verschwinden und die Zerstörung an.

Es mag sein, dass ich nur im Schreiben lebe, weshalb dieser Text nicht nur ein Krankheitsbericht, eine Selbstentäußerung mit blinden Flecken, sondern auch eine Art negativer Mini-Kulturgeschichte ist, der Anti-Bildungsroman, der "Sickster" eigentlich sein sollte: eine bitte Clowneske auch.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken. Berlin 2016


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