24.03.2017

Halbzeit ohne Ende

Liebe Freunde (falls ihr diesen Beitrag denn noch lest),

Vor bald 4 Wochen habe ich mich vorläufig von Facebook verabschiedet; ich wollte die diesjährige Fastenzeit dazu nutzen, auf Gewohnheiten und Verzierungen meines Alltags weitgehend zu verzichten. So startete ich am 1. März in eine Zeit ohne Alkohol, ohne Süßigkeiten, ohne Fleisch, ohne neue Bücher - und mit einem deaktivierten Facebook-Account. Das "Bergfest" dieser nur vermeintlich entbehrungsreichen Zeit liegt nun hinter mir; es fehlt mir nichts.

Im Falle meines Facebook-Accounts: den Blick mehrmals täglich in den blauweiß gefärbten Newsfeed voller Meinungen, überfließender Informationsfülle und wahlweise hysterisch-angsterfüllter Diskussion oder verzichtbarer privater Einblicke vermisse ich in keinem Augenblick. Ja, ich bin nun leider auch nicht mehr informiert darüber, was ihr alle so macht, welche Musik ihr mögt, zu welchen Veranstaltungen ihr geht, und was euch privat umtreibt. Und ebenso wenig bekommt ihr wahrscheinlich mit, dass ich gerade nicht mehr auf Facebook aktiv bin und meine Abende ganz analog verbringe.

Nein, ich fühle mich dennoch keinen Deut mehr isoliert als vor meinem vorgeheuchelten Digital Suicide. Eher im Gegenteil. Wenn ich mit Menschen in Bus und Bahn unterwegs bin, habe ich keinen Grund mehr, auf mein Smartphone zu starren. Ich genieße die Zeit, um in Gesichter zu blicken oder mir die Welt anzuschauen. Aus dem Fluss der Informationen herauszutreten, hat eine beruhigende Wirkung. Ich habe ja weiter meiner Informationsquellen, kann aber gleichzeitig entspannter und konzentrierter im Hier & Jetzt bleiben.

Nein, ich habe deswegen nicht mehr Zeit als vorher - und auch keine Langeweile. Es ist wie mit dem Rauchen: Nachdem ich mit dem Rauchen aufgehört hatte, wunderte ich mich, dass ich nicht mehr Geld als vorher zu Verfügung hatte. Wenn ich jetzt auch nicht mehr Zeit habe als an Tagen, an denen ich gefühlt zwei Stunden mit Prokrastination auf Facebook zubrachte, hat das also weniger mit der Quantität gewonnener Zeit zu tun als mit ihrer Qualität.

Letztens las ich von der geschätzen Mely Kiyak über den Umgang mit dem Hass in den sozialen Netzwerken:

Einfach abmelden. Schon ist man nicht mehr Teil eines Vereins, der es ermöglicht, zuzuschauen, wie ein Haufen Leute sich in abstoßenden Bemerkungen gegenseitig überbieten und andere daraus politisches Kapital schlagen. ... Ein User oder Nutzer ist ein Konsument. Er hat ein stärkeres Instrument in der Hand als Heiko Maas mit seinen Gesetzesvorhaben. Nämlich die totale Freiheit zu entscheiden, ob er sich, seine Privatsphäre, seine Daten und seine Nerven sklavisch an ein Unternehmen abtritt oder es sein lässt.

Dem wäre wenig hinzuzufügen. Und so wird meine Fastenzeit in Sachen Facebook wohl nicht zu Ostern enden... Wann telefonieren wir wieder einmal?


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