05.10.2016

Formbewusstsein

Auf Frank Berzbach bin ich gleich aus verschiedenenen Richtungen gestoßen; während Patrick Damschen vom Online-Shop 3 Schätze für dessen Buch Die Kunst ein kreatives Leben zu führen warb, wurde mir Berzbachs Facebook-Seite Songs and Stories ein wertvoller Begleiter. Neben Musiktipps (oder Erinnerungen an von mir ebenso geschätzte Platten / Musiker) stieß mich Berzbach auch auf Navid Kermani, dessen leidenschaftlicher Leser ich in der Zwischenzeit geworden war. Eine ganz eigene Vernetzung also, die Autor und Leser hier zusammenbrachten. Berzbach arbeitet laut Verlagsinfo

zu Fragen achtsamkeitsbasierter Psychologie, Arbeitspsychologie, Kreativität, Spiritualität, Mode, Popmusik und Popkultur. Seit vielen Jahren ist er Zen-Praktizierender, bleibt aber katholisch.

Eine Mischung, die ziemlich exakt meine Interessensgebiete der letzten Jahre widerspiegelt. In seinem neuesten - wieder einmal in schönster Aufmachung im Verlag Herrmann Schmidt erschienenen - Buch Formbewusstsein probiert sich Berzbach an einer "Vernetzung der alltäglichen Dinge" - so der Untertitel - im Zeichen von: Achtsamkeit. Ein Wort, das ich lieber vermeide, und das Berzbach, die Untiefen momentaner Esoterik- oder Selbstoptimierungs-Trends umschiffend, mit Geistesgegenwärtigkeit oder Gewahrsein zu übersetzen empfiehlt. Achtsamkeit bedeute, so Berzbach,

annehmend und geduldig zuzulassen, was geschieht, präsent, neugierig und sanftmütig zu bleiben und bedacht statt reflexhaft zu reagieren.

Was bedeutet Achtsamkeit im Alltag?

Ganz konkret sucht Berzbach in verschiedenen, untereinander vernetzten Bereichen des Lebens nach den Formen, die unser Leben prägen. Er untersucht Möglichkeiten der Formgebung als Wege der Lebenskunst und Steigerung der Lebensqualität. Philosophen und Soziologen, Literaten und Künstler, Zen-Meister und Christen sind seine Weggefährten. So vernetzt er nicht nur Essen, Liebe, Medien, Kleidung und Besitz, sondern auch verschiedenste kulturelle Wissenstechniken zu einem durchaus persönlichen Manifest. Mit seinem Buch zeichnet er eine Karte von Zugängen zu oft in spirituellen oder gar esoterischen Betrachtungen versteckten Veränderungsmöglichkeiten.

Das Buch sucht nach Umgangsformen, nach heilsamen Aspekten der Formgebung. Ich versuche zu aktivieren, bewusst zu machen. Das Buch bedient sich dabei aus einer Vielzahl von buddhistischen, christlichen, philosophischen und psychologischen Quellen,

so Berzbach im Interview mit Damschen. Dabei widmet er seine Aufmerksamkeit nicht den großen, abstrakten Ideen oder einem entfernten Sinn, sondern dem Alltäglichen, Konkreten, Naheliegenden: dem Alltag.

Während wir uns an den abstrakten Sinnfragen des Lebens abarbeiten, übersehen wir die überschaubare und gestaltbare Wirklichkeit.

Würden Sie andere behandeln wie sich selbst?

Während Harald Weltzer in seinem neuen Buch aus der Vogelperspektive auf Phänomene des Hyperkonsums, der Maßlosigkeit und der Selbstvergessenheit blickt (dazu später mehr), schreibt Berzbach aus einem anderen Blickwinkel über diese Phänomene des in die Jahre gekommenen Kapitalismus. Der Königwegs zum Gestalten (Weltzer spräche hier von Entscheidungen und Freiheit) ist ihm dabei zunächst der Verzicht. Wie ein roter Faden zieht sich das Fasten durch alle Kapitel des Buches. Das Fasten ist, mit Anselm Grün, nicht auf das Essen beschränkt, sondern eine generelle Übung des Verzichts und der Sensibiliserung. Im Fasten erkunden wir unser Verhältnis zu den Dingen, gewinnen Freiheit und Unabhängigkeit.

Fasten ist stiller, dosierter, zeitlich begrenzter und willensstarker Verzicht; es ist ein Anschlag auf die Maßlosigkeit des Zeitgeists.

Ebenso wie Weltzer kritisiert Berzbach die Projektwerdung des Subjekts: nur aus kapitalistischer Perspektive ist das Leben defizitär und stete Verbesserung notwendig. Christlich oder buddhistisch betrachtet, sei das Leben mithin "kein Projekt, sondern Geschenk und Vermächtnis". Hierin liege die Grundlage von Selbstliebe und Selbstmitgefühl, denen Berzbach inspirierende Seiten widmet. Selbstmitgefühl ruhe auf drei Säulen:

  • der wärmen und sorgenden Selbstfreundlichkeit, die wir zu oft unter Leistungsdruck und Informationssucht schleifen lassen,
  • der Halt gebenden Verbundenheit mit anderen und
  • der Achtsamkeit.

Dass dies auch die Grundlage für jeden mitfühlenden Umgang mit anderen ist, liegt auf der Hand. Wenn man sich selbst das nächste Mal wieder dabei erwischt, wie man die eigene Lebensqualität der Selbstoptimierung und Selbstausbeutung opfert, kann eine eine kleine Frage das Formbewusstsein retten: Würdest du andere behandeln wie dich selbst?


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