27.01.2015

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Kontinent bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.(1)

Mit diesem märchenhaften Beginn eröffnet der Frühromantiker Novalis im Jahr 1799 seine Abrechnung mit Protestantismus und Aufklärung Die Christenheit oder Europa. Inzwischen hat das Wissen den Glauben verdrängt, der Buchstabe die Sinnlichkeit, der Mensch ist aus der ursprünglichen Einheit gefallen und sucht, verzweifelt und verloren, den Weg zurück / nach vorn in das, ja, Goldene Zeitalter.

Zweihundert Jahre später

Michel Houellebecq rechnet seit nunmehr zwanzig Jahren ab: mit den 68ern, mit den (Links-)Liberalen, mit einer Welt, die aus maßloser Wertschätzung der Freiheit zunehmend trostloser und unlebbarer wird. Seit Elementarteilchen (1999) ist die Diagnose immer wieder die gleiche: Liebesunfähig, aber verurteilt zur Sehnsucht, torkeln auf sich selbst zurück geworfene, materiell gut versorgte Westeuropäer durch eine Welt, mit der sie nichts verbindet außer dem eigenen Begehren. Familienverbände sind zerfallen, Konsumdenken und Verwertungslogik setzen sich an die Stelle, wo man einst den Sinn des Lebens vermutete, Glück ist flüchtig, Befriedigung tut es zur Not auch.

Nicht nur die Ich-Erzähler und Protagonisten in den Werken Houellebecqs verbringen ihr Leben in einer einzigen Warteschleife mit zweifelhaftem Zeitvertraub: Ohne Glaube und ohne Liebe ist die ganze Welt nichts als eine Wartehalle auf den Tod. Der natürlich auch ohne Sinn bleibt. Hier erwartet niemand mehr ein Goldenes Zeitalter.

Glücklos, Sinnlos, trostlos

Der Religions-Haß dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Not obenan, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.

Das Personal bei Houellebecq kämpft sich mit Nietzsche und Darwin tapfer durch die Widrigkeiten der Zeit. Ein Zeichen der Distanz des Autors zu seinen Figuren sucht man vergebens. Auch in seinem neusten Werk, Unterwerfung liegt es nahe, in dem Intellektuellen Francois einen Widergänger Houellebecqs selbst zu sehen. Wie dieser enthält sich auch der Universitätsprofessor jeglicher Bewertung des Geschehens, das da im Frankreich des Jahres 2022 vor sich geht. "Politisiert wie ein Handtuch", reagiert Francois nicht einmal, als die beginnende "Islamisierung des Abendslandes" ihn seines Postens an der Sorbonne enthebt. Nahezu unparteiisch beschreibt er (Francois / Houellebecq) die Verwerfungen, denen er begegnet, und zeigt, wie sich Ausgänge anbieten.

Welches Buch könnte besser in diese Zeit passen?

fragt der Verlag marktschreierich. Na klar: Genau in diese Zeit, zwischen Charlie Hebdo und Pegida, in ein Europa zwischen Frontex, Griechenland und Ukraine, gehört dieses Buch. Der Islam ist dabei keine austauschbare Kulisse, sondern ganz bewusst gewählte Schablone, vor der sich das Elend dieser Zeit umso prägnanter abhebt. Die Ironie der Geschichte nämlich ist, dass sich das Gespenst der "Islamisierung", vor dem man sich nicht nur hierzulande mitunter zu fürchten wähnt, im Szenario Houellebecqs als genau der Ausweg aus Verunsicherung und Angst anbietet, den der gemeine Abendländer sucht.

Nicht der / das Fremde ist das Problem, sondern unser eigener, zunehmend haltloser werdender Status Quo. Der Islam, gekommen, um das Abendland zu retten, ist bei Houellebecq das, was bei Novalis der Katholizismus ist - die Möglichkeit eines neuen, goldenen Zeitalters scheint zum Greifen nah.

Wo keine Götter sind, walten Gespenster.

Das schreibt Novalis zehn Jahre nach der Französischen Revolution. Er entwirft angesichts der Misere seiner Gegenwart ein ideales, vom Katholizismus als gelebter Religion geeintes Mittelalter.

Wie heiter konnte jedermann sein irdisches Tagewerk vollbringen, da ihm durch diese heiligen Menschen eine sichere Zukunft bereitet, und jeder Fehltritt durch sie vergeben, jede mißfarbige Stelle des Lebens durch sie ausgelöscht und geklärt wurde.

Europa ist geeint, die Menschen führen ein einfaches, demütiges und erfülltes Leben, Transzendenz, Göttlichkeit, Sinn inklusive. Novalis' Beschreibung des Katholizismus deckt sich in vielen Punkten mit der Darstellung des Islam in Unterwerfung:

Angewandtes, lebendig gewordenes Christentum war der alte katholische Glaube ... Seine Allgegenwart im Leben, seine Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an der Armut, Gehorsam und Treue machen ihn als echte Religion unverkennbar und enthalten die Grundzüge seiner Verfassung.

Den politischen Krisen und den Wirren seiner Zeit hält Novalis die romantische Ur-Überzeugung entgegen, dass eine Wiederkehr des Goldenen Zeitalters nicht nur möglich ist, sondern bevorsteht: sein Essay entwirft diese "große Versöhnungszeit" als Ziel der Geschichte. Nach der Moderne folgt das wahre, das rundumerneuerte Mittelalter.

Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin empor.

Ein Goldenes Zeitalter ist nicht möglich

Der Einsatz der Ironie, die Konstruktion seiner Romane, Brechungen, Spiegelungen und Utopien lassen Houellebecq, den nüchternsten aller Romanciers, auch als (schlaflosen) Wiedergänger der Romantiker erscheinen. Seine Figuren mögen untröstliche Romantiker sein; sie können nicht mehr an die Möglichkeit einer Einheit, an die Existenz von Glück und Liebe glauben - doch die Verlockung bleibt. In Unterwerfung ist die ersehnte Befreiung vom Leiden an der eigenen Existenz zum Greifen nah - doch Francois, ganz und gar auf sich selbst zurückgeworfener Einzelgänger, weiß nur im Konjunktiv von ihr zu erzählen.

In der auf geradezu märchenhafte Weise vor sich gehenden Unterwerfung des Abendlandes durch den Islam spiegeln sich unsere Ängste, unsere Fragen, unsere Zweifel. Der Islam erscheint hier wie eine ganz und und gar unwirkliche Antwort auf all die Fragen, die wir uns viel zu lange schon nicht zu stellen trauen. In der Rettung spiegelt sich die Gefahr: und die liegt ganz bei uns.


  1. Alle Zitate aus: Novalis, Die Christenheit oder Europa. z.B. in: Novalis. Werke. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. C.H.Beck 2001. Die Überschrift stammt natürlich von Hölderlin. 


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