16.06.2017

I see a Darkness - Johnny Cash

Ich höre Musik gern auf Empfehlung. Am liebsten lasse ich mir einen Musiker durch einen anderen empfehlen. Manchmal bleibe ich dann auch irgendwo hängen und spiele die Alben rauf (und manchmal wieder runter). Z.B. während meiner Rio-Reiser-Phase (2x jährlich), meiner Stones- oder Beatles-Phase (meist nur tageweise) oder, wenn's mich packt, einer ca. 30 Minuten währenden Herbert-Grönemeyer-Phase (neulich im Auto), wo ich solange die verschiedenen Alben anspiele, bis auch die letzte Hoffnung erstickt ist, dass mich das noch mal so bewegt und angeht wie damals mit Zwölf. Meine Bob-Dylan-Phase indes dauert (zum Leidwesen mancher Mitmenschen) seit nunmehr 10 Jahren an, während die Johnny-Cash-Phase noch gar nicht begonnen hat.

Empfehlen ließ ich mir den Man in Black nun neulich von Frank Berzbach, der in der 2. Ausgabe des schönen Bookazines Vinyl Stories darüber schreibt, "wie ein Mann zu einer Ikone der Pop-Kultur wurde, der mit Pop nicht viel zu tun hatte". Berzbach liefert in dem lesenswerten Essay einen Rundumschlag über Bücher, Filme und natürlich Musik von und über Johnny Cash und nimmt dessen oft ausgeblendete "Philosophie of Life" in den Fokus. Die sei nämlich Anti-Pop: "seine Verankerung im Christentum".

Cash ist nicht auch oder nur nebenbei Christ. Der Glaube trägt, ja rettet ihn, er prägt sein Leben und seine Musik. ... Christsein, Beten, die Bibel sind ihm kein Feierabendprogramm, sondern der Mann meinte es ernst.

Es geht um: "Dankbarkeit, Demut, Verzeihen, Lieben und Bibelstudien." In seiner Autobiographie sei Cash zu entdecken als "der alte, gereifte, kämpfende und undogmatische Christ, für den Veränderungen fast immer 'in Ordnung' sind. Er ist jeden Morgen dankbar, dass er noch lebt. Er ist seinen Schuhen dankbar, der aufgehenden Sonne, den singenden Vögeln."

I see a Darkness

Ebenfalls den - gerade im Gefolge von James Mangolds Cash-Film Walk the Line - ausgeblendeten Seiten Chash widmet sich Reinhard Kleist in seiner Graphic Novel I see a Darkness.

Er lässt Cash's Geschichte von dem in Folsom Prison inhaftierten Gefangenen Glen Sherley erzählen, der im Gefängnis den von Cash interpretierten Song Greystone Chapel schrieb und nach der ersehnten Begegnung mit Cash eine kurze, tragisch endende Karriere als Country-Sänger begann. Kleist widmet sich ausführlich und ambivalenter als z.B. der Film dem selbstmörderischen Drogenkonsum des Mannes, der der heimischen Country-Szene irgendwann nur noch ein "Fuck You" entgegenzusetzen hatte. Kein Mann des Establishments (oder des Pop), sondern einer, der sich mit allem und jedem anlegte: mit der Country-Industrie, dem Ku-Klux-Klan und mit seinen eigenen Dämonen. Cash kämpft ein Leben lang mit der Darkness - wohlwissend, dass man den Dämonen ins Auge blicken muss, um nicht von ihnen beherrscht zu werden.

Nach der intensiven Comic-Lektüre, und während die Cash-Alben auf dem mp3-Player rotieren, liegt nun schon die von Berzbach empfohlene Biographie The Beast in Me von Franz Dobler bereit - ich lese gern auf Empfehlung hin.


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