03.04.2015

Ich bin ein Freund von Klischees

Ich gebe zu: Ich bin ein Freund von Klischees. Wenn die Literaturkritik dem neuen Roman des eigentlich sehr präzisen Chronisten Uwe Timm vorwirft, dass die Figuren nicht über flache Klischees aus der neuen bürgerlichen Mitte hinauskommen, dann frage ich mich: Warum sollen sie auch?

Führen wir nicht alle unsere Leben gern in Anlehnung an klischeehafte, vereinfachende Vorstellungen? Ist das Realitätsbewusstsein dieser Gesellschaft, und zwar quer durch so ziemlich alle sozialen Schichten, nicht tatsächlich vielfach in einer IKEA-Bilderwelt ertränkt, durchzogen vom Geschmack guter Rotweine und dem Duft von sauberem, schmerzfreiem Wohlstand? Schützen wir uns nicht alle gern vor den Unsicherheiten der Gegenwart durch Anlegen einer wind- und wetterfesten Sicherheitszone? Und ist das Andere, das Existenzielle, das Bedrohliche oder Schmerzliche, sind Begehren und Leiden nicht am leichtesten in der Vorstellung zu ertragen, die wir uns - umgeben von smarten Sicherheitshüllen - davon machen?

Dass die detaillierte Schilderung gesellschaftlicher Realitäten, die man aus anderen Romanen von Uwe Timm kennt, in Vogelweide durch eine vergleichsweise eindimensionale Bilderwelt ersetzt wird, mag vielleicht eine Schwäche des Romans sein - genau damit aber hält uns der Erzähler einen Spiegel vor; wir sehen: unsere nur noch selten unvermittelte Wahrnehmung von Realität.

Klischees sind eine nur allzu taugliche Möglichkeit zur Beschreibung der Gegenwart. Wenn sich Uwe Timm in Vogelweide dem Begehren widmet, dem leidenschaftlichen Beginnen, so erzählt er von der Sehnsucht davon, hinter das eigene Klischee zu gelangen. In jedem Blick liegt hier die Sehnsucht nach einem Anderen - jenseits von Selbstoptimierungs-Strategien und einem Leben nach dem Business- respektive Fitnessplan.

Vogelweide handelt von dem Warten auf den einen Moment, der das wahre Leben einläutet. Und von der Frage, was passiert, wenn man nicht mehr warten kann. Denn das wahre Leben gibt es nicht einfach so.

Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir, die Unvollkommenen, suchen nach dem Vollkommenen im anderen. Äußerlich und seelisch. ... Das Abenteuer des Suchens: eine Selbstverpflichtung im Leben, die Ergänzung zu finden.

Die fernsehreife Geschichte über eine mehrfache Liebe gerät in eine melancholische Erzählung über den Einbruch der Realität in unsere Vorstellungswelt. Das Traurige ist, dass das Buch und seine Figuren sich davon bis zuletzt keine Vorstellung machen können (wollen). Selbst der Ausbruch folgt hier noch den Regeln des Klischees. Doch jedem Aufbruch wohnt ein Abschied inne: und der ist endgültig, Moment für Moment.


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