26.07.2017

Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Es ist eine unglaubliche Geschichte, der ein unvorstellbarer Schmerz zugrunde liegt. Ludovica Fernandes Mano erschießt am Vorabend der angolanischen Revolution in Notwehr einen Mann, den sie auf ihrem Balkon begräbt. Danach mauert sie sich in ihrer Wohnung ein, um die nächsten dreißig Jahre als Gefangene ihrer selbst in der Wohnung zu verbringen, während sich vor ihrem Fenster die Welt rasant verändert. Fast scheint es, als hätte die Welt sie vergessen ...

Es ist hilfreich zu wissen, dass der in Angola geborene Autor José Eduardo Agualusa auf Basis der Tagebücher und Gedichte der 2010 im Alter von 85 Jahren gestorbenen Mano zunächst ein Drehbuch geschrieben hat. Im daraufhin entstandenen Roman blickt er einer Kamera gleich von außen auf seine Protagonistin und die Geschichten, deren lange verborgenes Zentrum sie unwissentlich ist. Warum geschieht, was geschieht, warum "Ludo" handelt, wie sie handelt, warum nicht anders, warum sie diese immer kärger werdende Hölle durchlebt - all das bleibt weitgehend im Verborgenen.

Arndt Stroscher gibt in seiner Besprechung des Buches einen guten Einblick in die historischen Hintergründe dieser Geschichte. Wahrscheinlich muss Agualusa den Märchencharakter des von ihm Erzählten durch Verknappung, Symbolik und formale Konstruktion derart betonen, um dem Chaos der realen Geschichte sein erzählerisches Kabinettstückchen entgegenhalten zu können. Und so vermag er, ein bewegendes Zeugnis von der nicht zu beugenden Kraft des menschlichen Geistes und den unentwirrbaren Verbindungen zwischen Vergessen und Vergeben zu geben.

Allein, ich stieß mich im Verlauf der knapp 200 Seiten zunehmend an der allzu sichtbaren (und in ihrem Verlauf auch irgendwie vorhersehbaren) Konstruktion des Romanes. Ein Gefühl von der durchlittenen Ewigkeit, der verstreichenden Zeit vermittelt das dicht mit Geschehnissen vollgepackte Büchlein kaum. Und das Märchenhafte wiegt mit Fortschreiten der Geschichte immer schwerer, das Szenario wird abstruser, die Handlung unwahrscheinlicher - so dass ich durchaus geneigt sein war, auszusteigen und den Roman mangels Glaubhaftigkeit endgültig ins Reich des Erfundenen abzuschieben.

Das dürfte vor allem auch an den Geschichten der Anderen liegen, mit denen Agualusa seine Protagonistin umgibt. Die angolanische Gesellschaft schrumpft auf eine Handvoll Figuren, jede mit einer eigenen, von extremen Zufällen gezeichneten Geschichte, die sich wieder und wieder in verschiedenen Konstellationen bewegen - eine Art mechanisches Theater der angolanischen Gesellschaft. Da gelingen dem Autor immer wieder grandiose Szenen, die - wie das "Gipfeltreffen" am als "seltsam" betitelten Ende der Geschichte - auch eine herrliche Vorlage für einen chaplinesken Stummfilm abgegeben hätten - aber in der Gesamtheit überlagert die Konstruktion das Grauen, die Abgründe und irgendwie auch die Wunder, von denen dieses Buch eigentlich handeln sollte.

José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens. Roman. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. C.H.Beck 2017


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