09.02.2016

Michel Houellebecq: Ökonom

There is no such thing like society,

hat Margaret Thatcher den Wirtschaftsliberalismus in den 80ern auf den Punkt gebracht. Es gibt nichts als Individuen, jedes für sich auf der Suche nach Glück, im tiefsten Innern rational, pragmatisch, egoistisch. Das Glück ist eines, das sich messen lässt, der Andere ist mir vor allem ein Objekt, und die Beziehung zwischen uns beiden ist eine des Tauschs.

Schon ist man mittendrin in der Welt, die Michel Houellebecq seit seinem ersten Roman Ausweitung der Kampfzone grob verzerrt spiegelt - und zuende denkt. Wer in dem vermeintlichen Skandal-Autoren nur einen Provokateur wahrnimmt, von dessem - vermeintlichen - Frauenbild man sich angewidert abwenden müsse, wer für Houellebecqs desolate männliche Protagonisten nur ein müdes Lächeln übrig hat, ist ein Mal mehr auf jenes zutiefst romantische Spiel mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität hereingefallen, das Houellebecq - ganz Kind seiner Zeit - genüsslich und lustvoll und bis zur letzten Konsequenz spielt.

In einem schmalen Essayband liest der Wirtschaftswissenschaftler Bernard Maris, der 2015 bei dem Angriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo getötet wurde, die Romane Houellebecqs auf eine kluge und anregende Weise weiter. Dessen Werke, so Maris,

dienen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge.

Sie sind: eine Impfung gegen die Wirtschaft - die nur deshalb zu wirken vermag, weil der Autor das ökonomische Unbehagen unserer Zeit exakt erfasst. Von der Vorherrschaft der Individuen in einer Welt, die sich komplett dem Markt verschrieben hat, bis zum Untergang der Gattung braucht Maris nur fünf Kapitel.

Natürlich durchzieht diesen kleinen Essay ein verschmitztes Lächeln,

gesteht er - und dennoch (oder gerade deshalb) gelingt es ihm, aus den Werken Houellebecqs eine in weiten Teilen ätzende (weil treffende) Gesellschaftsanalyse zu destillieren.

Allein die Liebe …

Unser Zeitalter ist besessen von dem Bestreben, das zu verschleiern, was die Menschen gequält hat und sie noch so lange quälen wird, bis sie verschwunden sind: die Liebe und der Tod.

Optimierungs- und Sparwahn, allgegenwärtiger Wettbewerb, die Welt der Werbung und der Begierden, dazu Konkurrenzdruck und permanente Veränderung: die Individuen in der westlichen Konsumgesellschaft haben sich an das Leben mit einer „Verinnerlichung der Angst“ gewöhnt. Vielleicht träumen sie noch von Liebe, vielleicht haben sie Angst vor dem Alter - gefangen sind sie in einer „Unsicherheitszone“, die nur ein Leben in der Gegenwart erlaubt:

Der Markt, der Wettbewerb, das Unternehmen hält die Sanftmütigen - und die meisten anderen natürlich auch - in einem Zustand des Schreckens gefangen, der im Wesentlichen auf der Unsicherheit basiert, die er erzeugt.

Zum Konsum verdammt in einer Welt, die „Supermarkt und Hohn“ ist: das ist die „Generation von endgültigen Kids“, allein dem Begehren und der steten Veränderung ausgesetzt. Jetzt kommt Maris auf das Motiv, das in nahezu jeder Zeile Houellebecqs präsent ist und dennoch gern unterschlagen wird:

Allein die Liebe bietet die Möglichkeit, den Konsum zu vergessen, jenen einzigen möglichen Horizont, den unsere schreckliche Gesellschaft bietet und der zur Folter werden kann.

Wer verdient das ewige Leben?

In Unterwerfung lässt uns Houellebecq durch den Islam einen Spiegel vorhalten: die Unfähigkeit, Gemeinschaften zu stiften, der Unwille zu Hingabe, Liebe, Demut, beschleunigt den Untergang der abendländischen Kultur. Am Ende des Kapitalismus steht, so Maris, der Selbstmord der westlichen Welt: Der Leistungskult der Menschen der westlichen Welt

und ihr übersteigerter Individualismus führen dazu, dass sie nicht einmal mehr über jenes Mindestmaß an Großzügigkeit verfügen, über jene Freigiebigkeit, ohne die es keine Liebe geben kann.

Im Grunde sind Houellebecqs polemisch-melancholische Auseinandersetzungen mit dem Liberalismus, den 68ern und der intellektuellen Elite Europas Studien, wie eine Kultur an ihren eigenen Prämissen zerbricht; ironisch gebrochen, immerhin, und dadurch an Wahrheitsgehalt umso reicher. Und gleichzeitig sind die Romane Beschreibungen des gegenläufigen Prozesses - am zugespitztesten wohl in Elementarteilchen, wo Houellebecq die Wiederherstellung der Bedingungen der Möglichkeit der Liebe beschreibt:

Die Menschen verschwinden und werden ersetzt durch die Unsterblichen - die sehr wahrscheinlich Frauen sind.

An die Stelle des männlich dominierten Kapitalismus mit seinem Gestell aus unbefriedigtem Begehren, ungebremstem Konsum, Sex und Geld tritt in Elementarteilchen eine Art Gattungswesen, konfliktfrei, gewaltlos, ein bisschen langweilig, und in Unterwerfung der Islam mit seinen perfekten Antworten auf die Sinnleere der westlichen Welt. In all diesen Utopien (?) geht es Houellebecq nur um eines: um eine Wiederherstellung der Bindung.

Altruismus und Kooperation sind ebenso antiökonomische Begriffe wie Mitgefühl, Güte, Großzügigkeit und natürlich Liebe.

Maris stellt mit Houellebecq die bange Frage, ob wir, die Menschheit, dazu noch fähig sind.

Alle Zitate aus: Bernard Maris: Michel Houellebecq, Ökonom. Köln 2015


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