20.06.2016

Das Buch der von Neil Young Getöteten

It's better to burn out than to fade away - diese Liedzeile von Neil Young tauchte nicht nur in Kurt Cobains Abschiedsbrief auf (was Neil Young wiederum zum Album Sleep With Angels inspirierte); Navid Kermani (in Dein Name, 2001) findet sie ganz ähnlich bei Friedrich Hölderlin wieder:

denke, dass es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt!

So zieht Kermani eine dieser gewagten, aber einleuchtenden Linien, die wie so oft bei ihm das scheinbar Fremde zusammendenken: vom Sufismus zu Hölderlin als dem "Sufi der deutschen Literatur" und weiter zu Neil Young, der für ihn "der rückwärtsgwandteste Voranschreiter der Rockmusik" ist: die Verkörperung der Mystik im Geist des Rock'n'Roll.

Dieser Geistesverwandtschaft widmete Kermani schon knapp zehn Jahre zuvor das schmale Buch der von Neil Young Getöteten.

Ausgangssituation: die neugeborene Tochter, deren Leiden an der Drei-Monats-Kolik ein Heilmittel kennt, die endlose, regelmäßige Beschallung mit ausgewählten Songs von Neil Young - in maximaler Lautstärke. Es ist für den Autor ein Anlass zu einer mitunter aberwitzigen Studie über Neil Young, die Kunst des Spielens und die Geheimnisse mystischen Erlebens.

Der Weg, den der Erzähler auf den 140 Seiten mit seiner Tochter beschreitet, führt

von den sanften zu den harten Tönen, von der akustischen zur elektrischen Gitarre, von der Meditation zur Ekstase.

Mit den ersten irdischen Schmerzen aus dem Paradies geworfen, wird seine Tochter - und der Leser - unter anderem diesen Liedern ausgesetzt:

  • Last Trip To Tulsa (Neil Young)
  • Prime of Life (Sleeps With Angels)
  • Pocahontas (Rust Never Sleeps, später: Year of The Horse)
  • Cortez The Killer (Zuma, Weld)
  • Down By The River (Everybody Knows This Is Nowhere)

Kermani macht daraus kein Geheimnis: er schreibt als Fan, und er schreibt über einen sehr subjektiven Zugang zu dem Oeuvre des Kanadiers. Gerade die Beschränktheit der musikalischen Mittel über die Young und seine Stammband, Crazy Horse, verfügen, sind für ihn ein Motor des Abhebens in die Ekstase. So lehrt der gleichförmige Beat von Down By The River,

das Leben in seiner rechten Dimension zu sehen, nämlich als langen Marsch, der zu nichts führt.

Und in endlosen, gleichförmigen, dröhnenden Gitarrenimprovisationen, getragen von einem rumpelnden Beat, leuchtet ein Glück auf,

das keinen Schmerz betäubt, dem Leben nichts vergibt und keinen Verlust übersieht, ein Glück, das die Verzweiflung zum Zwilling hat.

Auch seine Tochter wird jenseits des ursprünglichen Paradieses auf den Boden dieses Lebens fallen; in einem Akt der Liebe beschreibt ihr Kermani Fährten, dieses Paradies im Akt der Erinnerung zur vergegenwärtigen. Das Leben wird nicht halten, was es verspricht. Und dennoch: Es wird gut sein.


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