26.10.2016

Sozusagen Paris

Im Interview mit Navid Kermani beklagt Iris Radisch die Trivialität und Banalität, mit der in Sozusagen Paris über die Liebe geredet wird, und sehnt sich nach originelleren Charakteren - zu finden z.B. in der klassischen Roman-Literatur, die in Kermanis Roman den allgegenwärtigen Hintergrund bildet.

Ich halte Sie für einen intelligenten Schriftsteller, und dann kommen Sie mit so was. - Mit was denn? - Mit lauter unauthentischen Menschen.1

Dabei verkennt die Literaturkritikerin, dass genau das doch das Thema dieses Buches ist: Wie wir im vermeintlich persönlichsten Gefühl alle recht gleich und im Grunde ziemlich unoriginell sind. "Was uns so besonders vorkommt, unser innerstes Wesen und aufwühlendstes Erleben ... erweist sich als ziemlich gewöhnlich", führt Kermanis Ich-Erzähler aus. Der Erzähler ist - wieder einmal - ein, nicht zwingend deckungsgleicher, Doppelgänger seines Autors und hat am Abend aus dem Buch vorgelesen, dass Kermani 2013 unter dem Titel Große Liebe veröffentlicht hat. Es handelte von der kurzen, ekstatischen Liebe eines 15jährigen zu einer Abiturientin, erzählt und gedeutet vor dem Hintergrund der islamischen Mystik. Damals ging es um die ekstatische Kraft der Begierde, um das Sich-Vergessen im Angesicht der schönen Unerreichbaren.

Nun also eine Art Fortsetzung? Bei der Lesung traf der Erzähler die einst Angebetete, mittlerweile Bürgermeisterin einer kleinen Provinzstadt, wieder. Die Nacht führt nicht, wie anfangs erhofft, ins Bett eines Hotelzimmers sondern nur ins Wohnzimmer der Villa, in der Jutta mit ihrem Mann (Arzt) und drei Kindern lebt. Und was geschieht? Jutta erzählt "mit lauter Eheromanen als Kulisse von ihrer Ehe". An die Stelle der Mystiker treten diesmal Marcel Proust, Guy de Maupassant, Stendhal, Gustave Flaubert oder Julien Green, neben Milan Kundera darf sich auch Michel Houellebecq - allerdings tief hinten, unauffindbar - im Bücherregal verstecken.

Was ist denn das überhaupt, die Liebe?

fragt Jutta, als sie bei Ihrer Heimkehr eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann hat. Der Erzähler selbst macht keinen Hehl daraus, dass er darauf keine Antwort weiß:

Vielleicht besteht das Geheimnis der Liebe unter anderem darin, daß sie viel simpler ist, als wir selbst meinen, als auch die Literatur uns einredet, alle außer Stendhal.

Aus dem Nichtwissen heraus beginnt er seine Erzählung: "Was ich fühle, sehe und soweiter, das weiß ich oder glaube ich zu wissen, nur wie ich es zu entschlüsseln habe, worin der Sinn dieses oder jenes Erlebens liegt, das wird oft dunkler, je mehr es zu bedeuten scheint." Er hangelt sich an den Ereignissen bzw. Gesprächsthemen der Nacht entlang, sucht dabei jedoch immer wieder Vergewisserung in den Büchern und im Dialog. So greift er die Reaktionen der "realen" Jutta (nur was heißt hier real?) auf den Bericht dieser Nacht ebenso auf wie die pedantische Kritik des wurstfringrigen, beleibten Lektors. Vor allem aber liest der Erzähler in den Büchern im Rücken der einstigen Geliebten:

Juttas Ehe allein würde mich am Ende doch nicht genügend interessieren; dann hätte ich auch über meine eigene schreiben können.

Handelte Große Liebe von der Kraft der Illusionen, so verfolgt Kermani in Sozusagen Paris den Weg der Liebe durch die desillusionierenden Mühlen des Alltags. Ja, das Buch handelt von Ermüdung, von Enttäuschung, von Gewöhnung; in seinem Mittelpunkt steht eine geradezu klischeehaft anmutende Gestalt, der der Zauber des Ungewöhnlichen gehörig abhanden gekommen ist, der sie als Inbegriff der Sehnsucht in Große Liebe umwehte. Nur im Kontrast zu den großen Werken aus dem Bücherregal gelangen die großen Gefühle und die Träume von Aufbruch, Flucht und Glück in den Blick, während Adornos große Frage nach dem richtigen Leben im Falschen im Kopf des Erzählers herumspukt.

Am Ende erscheint Juttas Mann ihm Wohnzimmer: anstelle des Bildes, das sie von ihm gezeichnet hat, setzt der Erzähler die Karikatur des von ihm verabscheuten Houellebecq. In dieser Phantasie zwischen Schlafen und Wachen wird deutlich, was Sozusagen Paris auch ist: ein Spiel und eine Ode an die Doppeldeutigkeiten literarischen Erzählens und die Unzuverlässigkeiten der Fiktion. Sage keiner, dass "unauthentische" Menschen nicht voller Abgründe und großer Fragen sein können.


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