27.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (3): Ungläubiges Staunen

Der Klappentext spricht gleich von einer Islamisierung des Abendlandes. Navid Kermani zeigt eher, wie ein Dialog zwischen den Kulturen aussehen kann: mit kühlem Kopf und warmem Herz, voll Staunen und Begeisterung. Mein Buch des Jahres 2015.

Da staunt der Ungläubige. Ganz ohne zu suchen, fand ich im September in der Buchhandlung dieses opulente Werk des mir bis dato nur dem Namen nach bekannten Autoren. Als schiene es die folgerichtige Lektüre nach einer Reihe von Büchern, die sich - immer aus christlicher Sicht - mit dem Christentum beschäftigten, kaufte ich mir Ungläubiges Staunen. Über das Christentum noch vor dem Erscheinungsdatum und tauchte für den Rest des Jahres ein in eine mir unbekannte Kultur: meine eigene?

Navid Kermani, der diesen Herbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, ist seither für mich einer der momentan anregendsten deutschen Intellektuellen geworden. Mit klarer, aber immer persönlich engagierter Stimme, mit Sinnlichkeit und Leidenschaft selbst da, wo er an literaturwissenschaftliche Diskurse anknüpft, vor allem: mit einem Bewusstsein über die Bedingtheit der eigenen Perspektive und der Bereitschaft zum Wechsel eben dieser. So trägt Kermani viel zu einer authentischen und lebendigen Vermittlung zwischen den Kulturen bei. Auf dass das Halbwissen verstumme und das Gespräch beginne.

Vor allem aber - und darin erweist sich diese neueste Sammlung von Aufsätzen auch wie eine Antwort auf des Dalai Lama naive anmutende Forderung nach einer säkulären Ethik - schreibt Kermani voller Wertschätzung über die Religionen, die ihre Funktion eben noch lange nicht eingebüßt haben:

Dass Religion eine Lebensform ist, eine Art und Weise, seinem Alltag einen Rhythmus zu geben, der nicht von einem selber vorgegeben ist, dass sie Menschen über sich hinauswachsen lässt im Guten wie im Bösen: Davor stehen wir oft so sprachlos,

so Kermani in der ZEIT1. Und in einem anderen Interview führt er aus:

Eine Gesellschaft braucht Orte, an denen sie zusammenkommt, an denen sie aus der alltäglichen Zeit aussteigt und sich ihrer grundlegenden Ideale versichert, an denen sie ihre fundierenden Mythen vergegenwärtigt und etwa im Gesang, in der Musik gemeinsam etwas erfährt. Das ist heute zu einem guten Teil ausgelagert an säkulare Orte, ans Theater, an die Philharmonien, die unglaublich vielen Orte, an denen Menschen sich Zeit nehmen, um geduldig und aufmerksam Literatur zu hören. Aber es fehlt dann doch etwas, das Verbindliche und Verbindende fehlt. Es ist für das Gefüge der Gesellschaft nicht gut, dass das Christentum so stark erodiert.2

Anstelle die religiösen Differenzen in einem verwaschenen Einerlei aufzulösen, feiert Kermani eben diese Differenzen. Im Blick auf den Anderen lernen wir uns selbst begreifen. Voraussetzung dabei: den Anderen anzuerkennen - und den Unterschied mehr als nur auszuhalten.

Dem Christentum nähert er sich in den meisten der Meditationen seines Buches über Kunstwerke, allen voran denen Caravaggios.

Religion ist zunächst einmal eine sinnliche Erfahrung, nicht eine des Verstandes. Als Kinder erleben wir den Glauben in Sprache, Musik, Bildern und – denken Sie an den Weihrauch! – in Gerüchen. Vielleicht auch in der Zärtlichkeit, mit der die Mutter, der Vater am Bett mit uns das Nachtgebet gesprochen hat. Die Kulturleistung des Glaubens, die Vermittlung der Religion, funktioniert über die Sinne. 3

Aus der Bilderlosigkeit des Islams und des Protestantismus kommend, beginnt hier sein Staunen - das auch meines weckte. So schreibt Kermani über verschiedene Kernbegriffe des Christenums: Mutter, Sohn, Liebe, Auferstehung, Tod, Gott etc. In der Auseinandersetzung mit Bildern und Skulpturen legt er dabei existenzielle Schichten der christlichen Religion frei, die zu sehr persönlichen (und relevanten) Lesarten biblischer Texte und Fragestellungen führen. Und zwar ganz unabhängig vom eigene Glauben oder Unglauben. So wird Glaube - in diesem Fall der christliche - erfahrbar als Erzählung auch des eigenen Lebens:

Dass unsere Individualität reicher wird, wenn wir sie ins Allgemeine wenden und das eigene kleine Ich hintanstellen. Wir werden reicher, indem wir weniger werden, weil wir dann eins werden mit der Welt, das ist der mystische, übrigens auch der ästhetische Gedanke.4

Wenn sich Navid Kermani mit Zeugen des Christentums auseinandersetzt, ist das neben Kain, Hiob und zahlreichen Heiligen auch Pater Paolo Dall’Oglio - jener Pater, der inmitten der syrischen Steinwüste ein christliches Kloster wiederaufgebaut hat, wo sich eine christliche Gemeinde in der Liebe zum Islam übt. Kermani hat in seiner Friedenspreisrede ausführlich über den vom Islamischen Staat entführten Pater Paolo Dall’Oglio gesprochen.

Ebenfalls ein Liebender: das Buch beschließt ein bewegendes Portrait von Franz von Assisi. In Zeiten, da die päpstliche Weisung für den Umgang mit dem Islam hieß, „Unrat auszutilgen“, in Zeiten der blutigen Kreuzzüge,

marschierte er selbst ohne Waffen, ohne jeden Schutz, auch ohne Geld oder Besitz mit nur einem barfüßigen Bruder ins Lager des Sultans al-Malik al-Kamil, des Feindes und Antichristen, und rief in offenbarer Kenntnis des islamischen „Salam alaikum“: „Der Herr gebe euch Frieden.“

Franz von Assisi als furchtloses Beispiel für eine Verständigung über den Fanatismus hinweg - und zwar nicht trotz seines Glaubens, sondern gerade wegen ihm. Navid Kermani schreibt auch über die Differenzen zwischen Christentum und Islam - das steht dem Dialog jedoch nicht im Wege; im Gegenteil: es befruchtet ihn.

Ungläubiges Staunen: ob der vielen Fragen, die mir dieses Buch stellt; über meine eigene Kultur, in der mir so viel unbekannt war (und ist); über Kunstwerke und Bibelstellen, über die eigene Betroffenheit und Ergriffenheit; über den Islam, den ich jetzt noch weniger gut zu kennen glaube als vorher.

Der Protestantismus hat vor allem versucht, Religion verstehbar zu machen: Dass jeder die Bibel versteht, war ein Leitgedanke, der auch absolut plausibel ist und eine notwendige Reaktion auf eine verknöcherte Orthodoxie war. Aber in der Bewegung, die der Protestantismus in Gang gesetzt hat, hat Religion zunehmend ihr Mysterium eingebüßt. Es ist das Verstehen wichtig, aber auch das Nicht-verstehen-Können. Und dieser Moment des Nichtbegreifens, das Geheimnis, das über uns steht, aber unser Schicksal bestimmt – das ist im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr redlich ausgemerzt worden. Religion soll heute zu allem eine richtige Meinung vertreten – sei es zu Flüchtlingen, sei es zur Lohnentwicklung. Aber darauf, dass man Flüchtlingen hilft und Löhne gerecht sein sollen, kann man schon selber kommen, dazu braucht man keine Religion. Ich brauche Religion, um Gott zu erfahren, den ich nicht unbedingt verstehe, aber vielleicht in Momenten der Verzückung wie der Not als eine Wirklichkeit erlebe.5


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