10.10.2015

Nicht wollen müssen

Zu viel Wind! Das ist aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eines der grundsätzlichsten Probleme, denen der Mensch ausgesetzt ist. Oder auch: denen er sich aussetzt. Wind, das ist Stress jeder Art, auch der, den man für „gesund“ hält. Wind, das ist all das, was dir unter die Haut, in den Körper fährt, an dir zerrt, dich mit sich reißt, mit viel Energie in dich rein saust, um mit noch mehr Energie wieder abzuziehen. Die Folge ist, zumindest aus Sicht der TCM, allzuoft ein Ungleichgewicht im Energie-Haushalt. Irgendwo fehlt es dann einfach, und das ist ein ideales Einfallstor für körperliche wie geistige Wehwehchen …

Zu viel Wind - und meistens ist der Wind auch noch hausgemacht. Den Stress mache ich mir ja in aller Regel selbst. Was unter anderem daran liegt, dass ich zu viel will.

Muss ich oder will ich?

Rainer Maria Rilke gibt in den Briefen an einen jungen Dichter folgenden Rat:

Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben? Graben Sie in sich nach einer tiefen Antwort. Und wenn diese zustimmend lauten sollte, wenn Sie mit einem starken und einfachen Ich muß dieser ernsten Frage begegnen dürfen, dann bauen Sie ihr Leben nach dieser Notwendigkeit. …

Ist das, was du tun willst, wirklich das, was du tun musst? Mit dieser Frage taucht man ziemlich schnell hinab in eine Sphäre, wo es von Eigentlichkeiten, dem eigenen Wesen, Genies und mystischer Dramatik nur so wimmelt. Vielleicht ist ein Rilke ohne all das auch nicht zu haben.

Dennoch: wenn ich mir anschaue, aus wievielen Aufgeregtheiten und Stressmomenten, aus welchen Ärgernissen und nicht erfüllten (aber zu erfüllenden!) Imperativen meine Tage bestehen, finde ich diese Unterscheidung wahnsinnig hilfreich. Was von all dem, was ich glaube tun zu müssen, muss ich wirklich tun? Was ist mein innerstes Bedürfnis - und nicht nur eines, von dem ich erwarte, dass womöglich andere erwarten, dass ich dies und das unbedingt und ganz ohne Zweifel zu tun habe?

In unserer spätmodernen Freiheit verwechseln wir, scheint mir, ziemlich oft das Wollen und das Müssen: Weil ich eigentlich nichts mehr wirklich muss, werden all meine Begierden, all meine Vorstellungen von zu Verwirklichendem zu vermeintlichen Imperativen, die es zu erfüllen gilt. Was für eine Arbeit! Was für eine Erfüllung! Und erst der - tiefere, höhere - Sinn!

Komisch ist nur: dieser selbstauferlegte Zwang, weil ich glaube, dass ich das, was ich tun will, auch wirklich tun muss, führt zu ganz realem Stress, dem ich dann über kurz oder lang hinterher hechle. Denn: ich schaffe ja nie all das, was ich müsste. Ergebnis: Zu viel Wind!


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