05.04.2013

Von Muße und Müßiggang

I would prefer not to.

Bartleby’s Verweigerung ist mittlerweile schon sprichwörtlich geworden. Ich würde lieber nicht. Ich würde lieber: müßig gehen. Warum? Warum eigentlich nicht? Warum denn irgendetwas anderes tun als nichts - und damit meine Zeit, das Kostbarste, was ich habe, verschwenden?

Zugegeben, das Ganze klingt heute schon ein wenig oldschool. Wenn es irgendeinen Slogan für die Gegenwart gibt, dann ist es doch eher: Verschwende deine Zeit! Unendliche Möglichkeiten stehen dir offen. Die ganze Welt liegt dir zu Füßen. Da kannst du doch nicht untätig bleiben!

Verschwende deine Zeit
du wirst schon sehen, wohin es führt
dieser ganze Geiz ist sowieso nicht wirklich geil

Also: Selbstverschwendung, Verausgabung, jetzt leben statt für ein vermeintliches Nachher, das es sowieso nicht gibt? Die Zeilen von Gisbert zu Knyphausen beschreiben den besinnungslosen Tanz auf dem Vulkan, den wir tagein tagaus treiben, ziemlich genau.

Preis: deine Lebenszeit. Den zahlst du sowieso. Warum also nicht mitnehmen, was dir geboten wird? Wo es weder Gott noch einen Sinn noch eine nennenswerte Zukunft gibt, kann es letztlich nur darum gehen, möglichst viel möglichst sofort abzufassen. Ums Aufräumen darf sich jemand anders kümmern.

Das Otium

Über diesen Begriff stolperte ich, immer schön um das Latinum drumrum gekommen, in der Zeitschrift Sinn und Form - einem jener Refugien, wo Form und Inhalt immer noch aufs Schönste und Anregendste zusammenkommen. Wenn ich auch so meine Zweifel an dem hohen Kulturbegriff habe, der hier zwischen den Seiten mitunter anklingt, fand ich die Gedanken von Mark Fumaroli zum Müßiggang meinerseits wiederum alles andere als müßig.

Warum auf der Muße herumreiten? Weil sie uns bitter fehlt.

Otium, oft übersetzt mit Muße, Müßiggang, auch Faulheit, ist den Betrachtungen des, meines Wissens nach noch nicht aus dem Französischen übersetzten, Geisteswissenschaftlers nach alles andere als Passivität oder Entspannung - sondern steht

für Rückzug aus der Unruhe des Alltags, Kontemplation, Nachsinnen, dafür, dass man die Dinge mit Abstand und Muße sieht.

Fumaroli beschreibt mit Cicero und Seneca, wie Hast, Schludrigkeit, Geschäftigkeit nicht nur das Berufsleben, sondern Freizeit, Ferien oder auch menschliche Beziehungen prägen. In einer Kultur des ALLES IMMER (Harald Welzer), wo jederzeit das Mögliche um die Ecke schaut, einen anspringt, einen auffordert und ohne Widerspruch mitschleift (ist ja auch ganz angenehm so), ist es ziemlich schwer, dem Wahn noch zu … zu entkommen.

Wir haben keinen inneren Halt, der es uns ermöglichen würde, dieser Mühle zu entkommen und zu schauen, zu horchen, zu fühlen, zu genießen, zu lieben und geliebt zu werden. Um Lebewesen und Dinge wirklich zu kennen und von ihnen gekannt zu werden, muss man sie lange und geduldig im erotischen Sinne umwerben.

Pausieren und Dosieren täten da mehr als not, setzen aber eine Souveränität voraus, eine Handlungsmacht, die auf ein wenig Abstand zum Gegenstand, dem eigenen Leben, angewiesen ist. Auf dem Weg, das Leben selbst gestaltend (und, mit Welzer: selbst denkend) zurück zu erobern, ist das Otium ein notwendiger Pflasterstein. Und als Begriff, gerade wegen seiner Fremdheit, eigentlich schon wieder ziemlich schön. Ja: schön.

Das Interview, nachzulesen in Sinn und Form 1/2013 (hier erhältlich), erinnert an den Wert von Kultur: das Schöne, die geistigen Schöpfungen vergangener Jahrhunderte, die errungene Form, die dem Inhalt abgerungene Sprache - all dies sind Refugien, die uns Möglichkeiten bieten, der Omnipräsenz der Gegenwart zu entkommen. Es sind sicherlich nicht die einzigen.

Erkenne dich selbst

sagt Fumaroli: bevor du zu spät bemerkst, dass du in deiner Hast einer Täuschung zum Opfer gefallen ist.


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