15.02.2013

Weniger!

Forderten doch tatsächlich wieder einmal einige Spinner und antikapitalistische Subjekte eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Einführung der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich? Dahinter kann doch nur die Linke stecken, unterstützt von einigen nicht ernstzunehmenden Wissenschaftlern! Blickt da nicht schon der Kommunismus um die Ecke? Oder einfach nur das Abrutschen des nicht mehr wettbewerbsfähigen Deutschlands in die Gemeinschaft der Entwicklungsländer, mindestens aber an den Tisch für unartige Kinder, an dessen Tischtuch seit längerem schon Griechenland nagt?

Okay. Die Verknüpfung beider Forderungen war höchstwahrscheinlich größerer Unfug und Vernebelung von Tatsachen. Das zu beurteilen, bin ich der BWLer nicht. Aber ich sag es einfach mal:

Ich würde gern weniger arbeiten.

Deswegen bin ich noch lange kein arbeitsscheues Subjekt. Seit Anfang des Jahres nutze ich jede Gelegenheit, meine Arbeit so zu verteilen, dass sie als Halbtagsjob zu machen ist - ja: dafür sage ich auch gern mal einen Auftrag ab. Im Gegenzug erhalte ich freie Zeit, die weiterhin nicht im Langeweile stiftenden Übermaß vorhanden ist. Dafür stiftet freie Zeit so was wie Glück. Soll das nicht einer der neuen Indikatoren für den gesellschaftlichen Wohlstand sein?

Und wäre es nicht einer der Indikatoren für technischen und kulturellen Fortschritt, wenn die Menschen tatsächlich entlastet werden würden? In der vorherrschenden Logik aber sorgen Fortschritt und zunehmende Effizienz einfach nur dafür, dass es von allem noch mehr gibt (weil es möglich ist) - anstelle der Entlastung steht die zunehmende Belastung.

Ich finde nichts Schlimmes daran, auf ein Stück privaten Wohlstands zu verzichten.

Dabei bin ich alles andere als ein Großverdiener. Dass aber unser Wohlstand, der ja immer noch zu nicht unbedeutenden Teilen (hoffe ich jetzt einfach mal) durch Arbeit erwirtschaftet wird, zunehmend zu einem Problem für die Zukunft unseres Planeten und die Zukunft unserer Kinder wird, leuchtet mittlerweile sogar diesen, unseren Kindern ein. Bleibt zu hoffen, dass es denen einfacher fällt loszulassen …

Nie wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen den beunruhigenden Nachrichten von der Umwelt- und Klimafront und dem absurden Überkonsum, der dafür verantwortlich ist,

so der Sozialpsychologe Harald Welzer. Ja! Möge weniger Arbeit dazu führen, dass die Erwartungen der Menschen an den eigenen Wohlstand sich wieder auf ein realistisches Maß reduzieren! Dass der Mensch, also zumindest der weiße, westeuropäische Mittelstandsvertreter, wieder lernt, mit Begrenzung und Genügsamkeit umzugehen! Auf dass alle Ressourcen, auf denen das Wachstum gründet, mal ordentlich aufatmen können.

Irgendwie fühlt sich hier jeder unverhohlen / um seine Zukunft betrogen

singt Schorsch Kamerun auf dem Soundtrack zur Zeit, dem jüngst erschienen Album Der Mensch lässt nach.

Wir wollen ja alle nur unser Stück vom Kuchen haben! Jeder hat das gleiche Recht auf die begrenzten Ressourcen dieser Welt! Energie, Treibstoff, saubere Luft, Wasser, Raum, Zeit! Was du hast, das habe ich auch verdient! Also lass uns um die Wette wachsen! Der Raum wird enger, aber der Mensch hat schon alle Grenzen überwunden; die Luft wird knapp, aber alles ist ersetzbar; und wenn der Rest immer teurer wird, arbeiten wir einfach noch ein bisschen mehr!

Das Kulturmodell, das darin besteht, von allem immer mehr zu haben, muss in eines transformiert werden, das von allem immer weniger braucht. Weniger Wohlstand, weniger Konsum, weniger Mobilität, dafür aber auch: weniger Arbeit, weniger Konsumstress, weniger Ruhelosigkeit (Harald Welzer in der SZ)


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