11.02.2018

Abschiede, unbemerkt

Neulich, in Rico, Oscar und das Vomhimmelhoch, las ich eine mir vertraut vorkommende Szene:

"Die Herbstferien kamen und gingen, ohne dass wir uns noch einmal trafen. Noch zwei-, dreimal suchte ich den vergessenen Hof auf, mit immer schwereren Schritten. Die Blätter vom schönen hohen Baum hatten sich inzwischen rostrot, orange und gelb gefärbt. Sie trudelten von den Zweigen, kalter Wind blies sie über den nebelgrauen Hof, sie sammelten sich in den Ecken, und in einer dieser Ecken fand ich, die nassen Seiten aneinanderklebend, eine von Samiras alten Modezeitschriften. Ich wartete eine Stunde lang im Regen, aber ich blieb allein. Meine Freunde kamen nicht mehr. Es war, als hätte es sie und unseren schönen Sommer nie gegeben."

So enden vereinzelt Abschnitte des Lebens: Wo einstmals Freunde ein- und ausgingen, weht nur noch der Wind. Wie in einer verlassenen Westernstadt fegt Laub über den staubigen Boden, und wie in einem alten Stilleben nagt an den Spuren der Sommermonate der Zahn der Zeit. Bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, bis zur Sinnlosigkeit entstellt zeigen sich die Dinge. Und da hinten an der Ecke, in der Abenddämmerung, meint man noch den Freund zu sehen, wie er ein letztes Mal um die Ecke biegt und aus dem Blick verschwindet.

So endet manche Geschichte in einem Leben. Fortsetzung ungewiss. Das Blöde ist nur: in der Regel merkt man davon nichts.

Die Szene wirkt auf mich vor allem deshalb so vertraut, weil sie ein prominentes Vorbild hat: am Ende von Rob Reiners Stand By Me (einer Verfilmung von Stephen Kings Novelle Die Leiche) blickt der Erzähler – ein Schriftsteller mittleren Alters, der sich soeben in den Erinnerungen an diesen einen Sommer in den 1950ern verloren hat – voller Melancholie zurück auf den irgendwie zu ahnenden Abschied und den bevorstehenden Verlust:

"As time went on we saw less and less of Teddy and Vern until eventually they became just two more faces in the halls. That happens sometimes. Friends come in and out of your life like busboys in a restaurant. ... Although I haven't seen Chris in more than ten years I know I'll miss him forever. I never had any friends later on like the ones I had when I was twelve."

Blicke ich auf einzelne Abschnitte meines bisherigen Lebens zurück, dann gab es das immer wieder: Aufbrüche, Umbrüche, Abschiede, Verluste. Manchmal über Nacht war verschwunden, was die Tage bis dahin geprägt und strukturiert hatte. Und manchmal, vielleicht zu oft, gelang es mir im Anschluss nicht, die Fäden wieder aufzunehmen, die so plötzlich abgerissen waren.

Allein: das Verlorene zeigte sich immer erst in der Rückblende in seiner Unwiederbringlichkeit. Wann denkst du schon: Das hier, jetzt, erlebe ich zum letzten Mal. Dich, mein Freund, werde ich so schnell nicht wiedersehen. Und wenn der Gedanke doch einmal aufblitzt: Ändert das was an der Situation?

Die Einzigartigkeit, die Melancholie, die Trauer: sie finden meist in der Rückblende statt. Erst im Nachhinein, wenn es uns verloren ging, wissen wir, was wir jetzt haben.

Bild: Leipzig, 1998


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