11.12.2018

Die Mitternachtstür

Im neuen Haus und im neuen Wohnort war es in jeder Hinsicht anders als da, wo Grans Familie herkam.

Für seinen ersten Roman für Kinder hat Dave Eggers (The Circle) eine klassische Ausgangssituation der Kinder- und Jugendliteratur gewählt: Eine Familie muss wegen der fehlenden Arbeit aus einem Ort am Meer in eine Kleinstadt im Landesinneren umziehen. Abschied von der Weite, Ankunft im Alltag. Alles neu, alles fremd. Im Haus des Urgroßvaters wohnend, bessert sich die Lage für die kleine Familie allerdings nicht, eher im Gegenteil. Traurigkeit zieht ein – und der Vater zieht schon bald weiter, der fehlenden Arbeit nach. Gran, der Held des Buches hat indes seine eigenen Probleme, und die nehmen ihren Ausgang, auch das ganz klassisch, in der Schule. Gran ist für seine Mitschüler unsichtbar und weitgehend auf sich allein gestellt. Um in der neuen Heimat anzukommen, hat er einige Mut- und Bewährungsproben zu bestehen.

Soweit also folgt Die Mitternachtstür dem erprobten Strickmuster zahlreicher Kinderbücher und Hollywoodfilme. Die 113 (!) kurzen Kapitel sind allerdings dermaßen vollgepackt mit Absurditäten, Anspielungen und – buchstäblichen – doppelten Böden, dass die Lektüre auch für Erwachsene ein rasantes und höchst spannendes Vergnügen darstellen dürfte.

Gran wollte nicht nach Carousel ziehen.

So das erste Kapitel des Buches. Ab Kapitel 2 wird dieses Unbehagen vertieft, erzählt aus der von Verunsicherung und Überforderung geprägten Perspektive des Jungen, der eigentlich Granite heißt. Genau genommen: Granite Flowerpetal (Blütenblatt). Immerhin, ein "robuster Vorname", wie sein Vater sagt. Ansonsten: vieles ist peinlich, alle sind irgendwie komisch, manches ist schlicht unverständlich. Schiefe Häuser, ein dunkler Dachboden und eine Schule, in der nicht einmal die Lehrer mit dem neuen Jungen sprechen, und in der eines Tages ein tiefes Loch klafft.

Eggers entwirft eine kafkaeske Welt voller Überzeichnungen, Überraschungen und verblüffender Bilder. Schon bald entdeckt Gran in dem kleinen Ort, in dem in grauen Vorzeiten Karussels gebaut wurden, eine Parallelwelt. Er probiert es mit dem Kopf durch die Wand – und scheitert. Mit einem alten Hufeisen vom Dachboden seines Urgroßvaters indes wird er verborgene Türen öffnen ... An der Seite der geheimnisvollen Catalina taucht er ein in die unterirdische Welt der Hollows und der Lifter. Er lernt nicht nur, dass Verzweiflung und Traurigkeiten den Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegreißen können, sondern auch, dass sich dagegen etwas unternehmen lässt.

Als Kind mochte ich immer lieber die zeitlosen Geschichten. Vor allem aber profitiert nichts in dieser Geschichte von digitalen Technologien. Es geht um Schaufeln, Dreck, Muskeln und tapferen Einfallsreichtum. Ich hatte beim Schreiben von The Lifters, wie der Roman im Original heißt, die wirkliche Welt vor Augen, genauer gesagt die alten Industriestädte im Westen von Pennsylvania. Die Landschaft dort ist ganz hinreißend, aber den Menschen geht es nicht besonders gut; die wirtschaftliche Situation ist schwierig, die Stimmung ziemlich deprimierend. Ich wollte, dass ein Kind in diese Welt gerät, die Traurigkeit spürt und zugleich einen Weg findet, sich wieder aufzurichten – to lift up,

erzählt Eggers im Interview mit der ZEIT.

Während der Boden der kleinen Stadt bebt, erfahren die beiden Kinder ihre Kraft und ihre Möglichkeiten. Wie Ohnmacht in Furchtlosigkeit und dann in Leidenschaft, Freude, Glück umschlägt, davon erzählt Eggers absolut hinreißend. Dass dann am Ende gemeinsam die heile Welt errichtet bzw. wiederhergestellt wird, mag ein Stück dem Genre geschuldet sein. Schade dennoch, denn es wäre interessant sich zu vorzustellen, wie der anarchisch unkonventionelle Kinderroman Die Mitternachtstür ohne dieses dicke, irgendwie sehr amerikanische Bilderbuchende ausgesehen hätte.

Dave Eggers: Die Mitternachtstür. Deutsch von Ilse Layer. Sauerländer Verlag 2018


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