04.01.2013

Der Mittelpunkt der Welt

Sie haben nie eine Erfahrung gemacht, bei der Sie nicht im absoluten Mittelpunkt standen. Die Welt, die Sie erfahren, liegt vor Ihnen oder hinter Ihnen, links oder rechts von Ihnen, auf Ihrem Fernseher, Ihrem Monitor oder sonstwo. Die Gedanken und Gefühle anderer Leute müssen Ihnen irgendwie kommuniziert werden, aber Ihre eigenen sind unmittelbar, zwingend und wirklich.*

Ja, es ist, da haben Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus in ihrer Essay-Sammlung Simplicity recht, schwer, über die Welt anders nachzudenken als aus unserer eigenen Perspektive - der einzigen Perspektive, die uns unmittelbar und permanent zu eigen ist, die wir erlernt haben, seit wir auf der Welt sind - einer Perspektive, die wir ganz ohne Anstrengung und Mühe, einfach so, einnehmen.

Wir sorgen uns um uns und darum, was in unserem Leben passiert. Wir planen die Zukunft und fürchten uns vor ihr. Wir kreisen um Gesundheit, Job, Geld, um die Frage, was wir morgen tun und ob das, was wir gestern getan haben, gut genug war. Natürlich denken wir auch an unsere Freunde, sorgen uns um die Familie. Und wenn wir gut drauf sind und, ganz zufällig!, auch noch Zeit haben, dann helfen wir gern einmal. Warum?

Es macht mich glücklich, wenn ich andere Menschen glücklich machen kann.

Nach Meinung der beiden Autoren, die auf ihrem Blog theminimalists.com den Trend zu einem reduzierten, erfüllteren Leben untersuchen, ist die Kontrolle über die eigenen Gedanken, die bewusste Freiheit, der Schlüssel zum Glück.

If you can remove yourself - if you can remove your perspective - from a situation, then you can see the world through a different set of eyes, and thus the world can take on a different meaning.

Wieder geht es, wie schon bei der Anbetung von Objekten um die Auseinandersetzung mit Standardeinstellungen: In unserer Kultur, in unseren Selbstbildern, ist es das Individuum, bin es immer ich selbst, der zuerst kommt, um den ich mich zu sorgen, dem ich zu glauben, dem ich alles zu verdanken habe. So handle ich, selbst da, wo ich anderen Menschen hilfe, immer auch mit der Intention, dass ich mich gut fühlen kann, ich selbst glücklich bin.

Am Ende dreht sich immer alles um das Individuum, das da war, bevor die Welt zu ihm kam.

Soweit die Subjektive.

Minimalism is a way to remove yourself from the center of it all, to remove yourself from the desire to chase excess in our pursuit of happiness.

Wenn man die Welt einmal nicht von sich aus denkt, kommt man der Realität wahrscheinlich näher: Man stelle sich ein Wesen vor - nicht nur bei einem ausgesprochenen Mangel an Phantasie darf dieses Wesen Beine und Arme haben und sogar sprechen - das man als Gott, als Zeit, als Raum, als Sein, als Wesen eben bezeichnen mag: alles, jeder Mensch, jedes Tier, jeder Baum, kleinteiliger noch: jedes Element, ist Teil dieses Seienden, ist darin aufgehoben, bevor es auch nur dazu kommt, sich zu denken.

Das Sein ist ein einziger Zusammenhang; jedes Seiende ist, vor aller Vereinzelung und Objekthaftigkeit, ein kleiner Teil des großen Ganzen. Wenn ich ich sage und aus meinen Augen blicke, schäle ich mich aus diesem übergroßen, mich wie Wasser umgebenden Element heraus und stelle alles Seiende als mir begegnend mir gegenüber - daher die Interpretation, dass die Welt zu mir kommt und ich schon bin.

Das Paradies ist verriegelt, heißt es bei Kleist, seit der Mensch reflektieren kann und ein Bewusstsein hat. Man kommt zu dieser Einheit nur über Umwege und, so lässt sich annehmen, manche Irrfahrt zurück. Zunächst hilft jedoch schon einmal die Vorstellung, der bewusste Perspektivwechsel, um einen Schlüssel zu Vertrauen, Glück und Freiheit zu finden.

In der Mitte der Welt: ein Raum, eine Handlung, ein Prozess. Der wahre Punkt ist, dass es nie um mich oder dich, um meine Bedürfnisse oder meine Ansprüche geht. Sondern darum, über uns selbst hinaus etwas beizutragen zu diesem Einen. Das ja, ob man es glaubt oder nicht, immer schon da ist. Ganz einfach. Einfach so.


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