19.01.2013

Du wärst so gern frei ...

Ich habe in den letzten Wochen so einige Gedanken zu dem Phänomen des Minimalismus geschrieben, diesem - ja, ich sage mal - Trend, der eigentlich ganz sympathisch daher kommt. Auch wenn ich manche Verfechter, wie die beiden Blogger Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen, schon ein wenig penetrant finde.

Aber allen hehren Einwänden und guten Vorsätzen zum Trotz (es ist schließlich fast Ende Januar, da darf man ja wohl wieder zu seinen Standardeinstellungen zurückkehren):

  • Ich kaufe gerne ein.
  • Ich träume gern von Sicherheiten und einer sorgenlosen Zukunft.
  • Ich drehe mich im Alltag fast pausenlos um mich und finde es eine Bestätigung meiner Existenz, dass ich es wert bin, mir über mich Gedanken zu machen.
  • Ich baue mir ein Haus auf Sand.
  • Ich liebe meine Familie, meine Freiheit aber noch mehr.
  • Ich esse weiterhin Fleisch.
  • Und ich fang morgen wieder an zu rauchen.

Du wärst so gern frei / Also sprich doch bitte nicht wie die Polizei (The Schwarzenbach)

Jedes Mittel ist recht, das einem die eigenen blinden Flecken, die Standardeinstellungen eben, ins Bewusstsein ruft. Jedes Fahrzeug ist gut, das einen auf einen Weg und dann auch noch vorwärts bringt, jeder Wegweiser kommt genau richtig, wenn er auf Entwicklungsmöglichkeiten und noch zu machende Erfahrungen verweist.

Aber es scheint eine Eigenart des menschlichen Denkens zu sein, dass Mittel und Zweck schnell mal verwechselt werden, dass aus der geradlinigen Bewegung eine Bewegung um ihrer selbst willen und um sich selbst herum wird, dass das Auto als Ziel gilt, wo es doch nichts weiter ist als ein Fortbewegungsmittel. Das Problem ist, dass man aus einer Frage schnell und gern eine Aufforderung macht. Und aus einem konstruktiven Gedanken, einer berechtigten Frage, eine starr erscheinende Idelogie.

  • Von wievielen Gegenständen hast du dich heute getrennt?
  • Wieviel Prozent des Tages verbringst du mit deinem bewussten, selbstbestimmten und erfüllten Leben?
  • Wieviel Fleisch hast du heute nicht gegessen?
  • Wieviele Leser hat dein Blog - und wieviele schütteln danach allen Besitz von sich ab, als wären sie erleuchtet?

Verwechselt man die Frage mit der Antwort, das Mittel mit dem Zweck, sieht unsere Zukunft im Falle des Minimalismus ziemlich reduziert aus: Wir leben ein ruhiges und bewusstes Leben (soweit ganz schön), unsere Arbeit besteht zu gleichen Teilen aus Kunst und Selbstverwirklichung (klingt eher wie ein Mythos), wir alle führen Blogs und schreiben Ebooks, die jeder abonniert und herunterlädt, wobei kaum jemand dafür bezahlt - und die niemand liest.


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