19.11.2019

Sternschnuppensommer

Da stehst du nun. Du schon. In deinem Schulrucksack stecken keine Butterbrotdose noch irgendwelche frisch gemachten Hausaufgaben, sondern ein nagelneuer Pass, ein ausgeschaltetes Handy, ein halb ausgefülltes Rätselheft und eine fast leer gegessene Tüte Lakritze.

Der erste Kunstgriff von Gideon Samson ist die Erzählperspektive. Den Sternschnuppensommer in seinem gleichnamigen Roman darf der Leser sozusagen in Zentralperspektive erleben: durch die Augen des zwölfjährigen Protagonisten Jakob, in den der Leser, ganz gleich ob jung oder alt, hinein schlüpfen kann wie in eine Theaterrolle. In der Haut des Zwölfjährigen steckend, konsequent mit “Du” angesprochen, darfst du einen unvergesslichen Sommer erleben, voll von Geheimnissen und flirrender Sinnlichkeit, voller offener Fragen, neuer Erfahrungen und vor allem: angefüllt mit unvergesslichen Momenten.

Du stehst nach einem deinem ersten Flug allein in Griechenland und wartest auf den Vater, den du kaum kennst. Aus der Schule in die Ferien gekippt, wurdest du von der Mutter abgeschoben, weil die mit ihrem neuen Freund allein Urlaub machen will. Du verstehst wenig von der Welt um dich herum und bist ziemlich übel gelaunt. Allzumal dein Vater allen Klischees des chaotischen, unzuverlässigen Griechen entspricht und du die ersten Tage allein mit dir und einem Stapel Comics zubringen musst.

Willkommen in der Pubertät! In einer Zeit, wo Erwachsene per se doof sind und dich nicht verstehen. In einer Welt, die sich nicht für dich zu interessieren scheint. In einem Leben, das um einiges unübersichtlicher ist, als du es gewohnt bist. In einer Zeit voller Überraschungen, die schon auch mal nerven – oder dich gnadenlos überwältigen.

Irgendwann lernst du einen Jungen kennen, und von da an ist es mit der Langeweile vorbei. Auch das musst du erstmal aushalten lernen: dass die Zeit ein unterschiedliches Maß kennt und manchmal von einem Moment auf den nächsten in einen anderen Gang schaltet. Dass du es erst kaum erwarten kannst, wieder nach Haus zu kommen – und dann am liebsten nie wieder zurückfliegen möchtest. Der Junge heißt Micha. Mit ihm verbringst du den Sommer deines Lebens.

Micha hat eine Freundin, die wie du aus den Niederlanden kommt: Puck wird sie genannt. Auch wenn du noch nie etwas von William Shakespeare gelesen hast: ein Sommernachtstraum ist das auf jeden Fall. Und eine ménage à trois, eine Dreiecksbeziehung. Wenn du von so etwas auch wenig Ahnung hast: du ahnst, dass das nicht immer nur schön sein kann (so wie ihr es euch erträumt). Sondern auch gefährlich ist.

So liegt ihr zu dritt unter dem griechischen Sternenhimmel und träumt davon, dass dieser Moment, dieser Sommer, dieses Leben ewig dauern kann. Und, soviel Kind darfst du noch sein, ihr glaubt, dass das möglich ist. Dass man sich bei einer Sternschnuppe etwas wünschen darf und das in Erfüllung geht. Kurz funkt dann zwar wieder dieses Erwachsenwerden dazwischen, und alles wird hoch problematisch und abgrundtief traurig. Aber du bist in einem Alter, wo Geschichten gut ausgehen dürfen. Wo nicht nur alles möglich scheint. Es kommt nur auf dich an. Diese Geschichte ist für dich.

Gideon Samson: Sternschnuppensommer. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Gerstenberg 2018


Verwandte Beiträge