17.11.2013

Glück ist eine Idee

Lieber Freund,

wo unser letztes Gespräch abbrach, soll dieser Brief anknüpfen. Weil man über Grundlegendes so selten spricht, stelle ich diesen Versuch, ein paar grundlegende Gedanken zu formulieren, für alle potentiell Interessierten ins Netz.

Ich weiß, dass ich versuche, etwas zu formulieren, über das sich - mit den mir bekannten sprachlichen Mitteln - nicht sprechen lässt. Diese Mischung aus Angelesenem, Vorgedachtem und Erahntem mag, zur Sprache gekommen, wie eine Phantasie, wie eine wirre Betrachtung, wie originelles Gedankengut aus der esoterischen Kramkiste wirken; wenn du mich fragst, warum ich seit nunmehr über einem Jahr jeden Morgen um fünf Uhr aufstehe und mich für 30 Minuten auf mein Kissen setze (was ja nur der Anfang ist), dann würde ich sagen:

Weil ich glaube, dass ich den eigentlichen Punkt meines Hierseins mit meinen eingeübten, eingefahrenen Wahrnehmungs- und Denkmustern in den letzten 35 Jahren oft verfehlt und mir stattdessen mit viel Aufwand die Zeit vertrieben habe. Weil ich in diesen eingefahrenen Mustern auch den Rest meines Lebens immer nur bei mir ankommen werde. Weil ich glaube, dass da etwas fehlt.

Was ist Zen?

Dabei hat Zen mit Glauben nichts, aber auch gar nichts zu tun. Zen besteht im Kern eigentlich nur aus einer Praxis, dem shikantaza oder Zazen: nichts als Sitzen.

Das Sitzen betrachte ich als eine Art praktische Erkenntnistheorie: Während man sitzt, wahlweise 30 Minuten am Morgen oder ganze Tage lang, tut man nichts - außer seinen geistigen und körperlichen Aktivitäten beim Kommen und Gehen zuschauen. Je nach Tagesform bilden die eigenen Gedanken eine mehr oder geschlossene Wolkendecke, manchmal gibt es auch ein paar Ruheinseln.

Im Grunde ist das aber egal. Was auch immer ist und mir begegnet, darf ich als wirklich annehmen; im Zazen übe ich mich darin, diesem Sosein nichts hinzuzufügen, keine Gedanken, keine Erwartungen, keine Sorgen ... Besagte Erkenntnis (oder besser Erfahrung) besteht in einem langsam tiefer werdenden Verständnis für den Unterschied zwischen den Fiktionen, aus denen ich mir mein "Ich" und ein "Du" (ihr, sie) konstruiere, und einer Wirklichkeit, dem Hier und Jetzt, die sich meinen Konstruktionen jederzeit entzieht.

Was ist wahr?

Unserem Handeln liegt jederzeit eine Vorstellung von wahr oder falsch zugrunde; diesen Kompass benötigen wir ebenso, wie wir ein Ich als Akteur und Entscheidungsinstanz benötigen. Der Witz bei der Veranstaltung allerdings ist: Wir identifizieren uns mit etwas, das es als feste Größe, als Substanz, als Subjekt / Objekt gar nicht gibt.

Eine Wahrheit oder ein Ich existiert schlichtweg nicht jenseits von dem, was hier und jetzt ist oder sich vollzieht.

Diese Identifikation mit - durchaus sinnvollen - Fiktionen, dieses Arbeiten mit Zukunftserwartungen oder Erklärungen mittels der Vergangenheit ist weder gut noch schlecht. Leider ist es dieses Festhalten, das uns in Konflikt mit der Wirklichkeit, mit dem Hier und Jetzt bringt und letztlich Leiden verursacht. Schon bist du mittendrin in der buddhistischen Terminologie ...

Was ist Glück?

Bevor ich mir jetzt eine neue Fiktion errichte, mit der ich mir die Welt erklären und die Wirklichkeit vom Leib halten kann, nur soviel: Im Zen geht es nicht darum, glücklich oder glückselig zu werden, sondern jenseits all dieser Vorstellungen in der Wirklichkeit zu stehen. Einer Wirklichkeit, die - das macht die Sache so vertrackt - eben weit über die von uns in Kategorien verpackte, in fein säuberlich getrennte Objekte geordnete, nach richtig / falsch, hier / dort unterschiedene Realität hinausgeht.

Die Erleuchtung, von der man im Buddhismus viel liest, um die es im Zen allerdings kaum geht, ist kein Erwachen in einem anderen Bewusstseinszustand, sondern ein Zurück zu einer ganz einfachen Erkenntnis:

dass es das Andere nicht gibt, außer in meinem unterscheidenden Geist.

Die Wirklichkeit begrenzt sich selbst, ist immer vollkommen und absolut. Sie ist alles, was ist. Nur mein Geist macht die Wirklichkeit kleiner, weil er Parallelwelten, Alternativen, Zukünfte denkt und dann Äpfel mit Birnen, Pferde mit Eseln, Fiktionen mit Fiktionen vergleicht. Meist mit dem Resultat erhöhter Aktivität und einer Bestätigung des eigenen Seins durch das Leiden daran, dass ich wieder einmal das Glück verfehlt habe. Und wieder habe ich zu tun.

Erleuchtung, habe ich einmal gehört, ließe sich auch mit Anpassung übersetzen. Anpassung an das, was ist, um mit ihm zu gehen, statt sich ihm zu widersetzen. Glück ist nur eine Idee.

Schon wieder zuviel geschrieben. Vielleicht ein andermal mehr ...


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