27.08.2013

Ich-Maschine

Jede meiner Wahrnehmungen, mag sie auch noch so unmittelbar und real erscheinen, ist letztlich durch Denken, Sprache, Interpretation usw. vermittelt - das dürfte soweit fast ein Allgemeinplatz sein. Was dies tatsächlich heißt, beschreibt Nishant Kothary in einem lesenswerten Artikel auf A List Apart.

Wie das Denken sich seine Wirklichkeit erfindet

Ich kenne nichts anderes, deswegen erscheint der Normalzustand so einleuchtend: Ich blicke ein Leben lang, tagein tagaus, durch meine Augen in die Welt, schaue auf meine Hände, während ich tue, was auch immer ich glaube tun zu müssen. Dass sich das Licht von Augenblick zu Augenblick ändert, so wie die Arbeit meiner Hände, ist schon eine Wahrnehmung, die mir nur im Ausnahmefall möglich ist: Im Normalfall kommen mir meine eingeübten Handlungs- und Denkmuster, meine Konzepte und erprobten Annahmen über die Wirklichkeit zuvor. So gaukelt mir etwas, das ich gewohnheitsmäßig Ich nenne, vor, dass alles wie immer ist - gewohnt, übersichtlich, vorhersehbar.

Soweit macht das Gehirn seinen Job gut: das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, sicher zu sein und Herr der Lage, beginnt damit, dass ich weiß, wen ich meine, wenn ich Ich sage. Mag sein, dass schon dieser Ausgangspunkt eine Erfindung und Konstruktion ist. Eine Arbeitshypothese, die sich nicht widerlegen lässt - von wem auch.

Wovon ich rede, wenn ich von der Welt spreche

Normalerweise läuft diese Ich-Konstruktion einfach nur halbautomatisch und unbewusst mit. Im Kern hilft mir das Denken schlichtweg, mich in der Welt zurechtzufinden - und an meine Wahrnehmungen zu glauben.

"The brain can connect seemingly unrelated dots to create sense out of nonsense. … The brain solves seemingly impossible problems without knowing that these problems are impossible to solve,"

schreibt Kothary. Das menschliche Denken ist einfach gut im Erfinden - wenn ich die Welt meine, finde ich immer nur Theorien über sie; praktisch ist es, wenn es sich um Theorien handelt, auf die sich noch mehr Köpfe als nur meiner einigen können. Auch aus den spärlichsten Informationen entstehen so einleuchtende Zusammenhänge, Konstruktionen und Geschichten.

In der Wirklichkeit

Nur ab und an meldet sich dann doch die Welt / die Wirklichkeit / das Leben / das Sein (…) ganz unüberhörbar zu Wort: als widerständig, als unfassbar, als unverständlich. Völlig sinnlos durchkreuzt irgendetwas meine Erwartung, jemand handelt anders, als ich es anzunehmen bereit bin - ein Sprung, ein Schritt, ein Augenblick, und ich kann meine Theorien und heiß geliebten Vorstellungen vom Boden aufkehren.

Weil es Angenehmeres gibt, als auf dem Boden zu hocken und die Scherben dessen aufzusammeln, was man bis gerade eben noch für unerschütterlich hielt (die Welt, wie man sie kannte), ist es menschlich, jeder Erfahrung von Kontrollverlust, von Erschütterung aus dem Weg zu gehen. Was ich nicht kontrollieren kann, das soll es möglichst gar nicht geben - schwups, habe ich es ausgeblendet oder möglichst safe in Theorie verpackt …

Die Welt ist, wie sie ist. Da kann ich mich noch so sehr anlügen. Dabei weisen mich die vermeintlichen Gefahren doch nur auf die Grenzen meiner Fähigkeiten hin, dieser Welt (m)einen Sinn aufzudrücken. Anders herum gesagt: kann die Grenze meiner Fabulierfähigkeit der Punkt sein, an dem ich sehe, was wirklich / möglich ist.

"You're driving yourself crazy (and going) in circles over how things should be, but if you settle down and look at how things really are, you might figure out how to change a few of them."


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