03.01.2013

Jeder betet etwas an.

Was wäre, wenn der recht präsente Trend zu Minimalismus und Vereinfachung nur eine Antwort wäre, um der Beschleunigung und Vervielfältigung des Möglichen in der Gegenwart zu begegnen? Um der sich abzeichnenden Überforderung gerade noch einmal zu entkommen: Sorry, ich mache heute nicht mit? Sind Reduktion und Selbstbeschränkung nur der Versuch, dem sowieso immer schon stattfindenden subjektiven Scheitern angesichts der Übermacht der Objekte zu entgehen? Vorzeitiger Waffenstillstand anstatt der Niederlage, indem man dem Konflikt einfach aus dem Weg geht?

Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus betreiben als The Minimalists eines der vielen Weblogs, in denen die Sehnsucht nach einem einfacheren, entspannteren und sinnvolleren Leben thematisiert und Wege gesucht werden, um sich aus dem Würgegriff einer konsumorientierten Leistungsgesellschaft zu befreien. In der Mitte ihrer Essay-Sammlung Simplicity, die sich, sagen wir mal, generell eher durchwachsen liest, finden sich drei Essays mit dem Untertitel Conscious Freedom. Zur Erörterung der bewussten Freiheit hält jeweils ein längeres Zitat aus David Foster Wallace’s bemerkenswertem Text Das hier ist Wasser her.

Jeder betet etwas an.

In den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins gibt es keinen Atheismus. Es gibt keinen Nichtglauben. Jeder betet etwas an. Aber wir können wählen, was wir anbeten. Und es ist ein äußerst einleuchtender Grund, sich dabei für einen Gott oder ein höheres Wesen zu entscheiden - ob das nun Jesus ist, Allah, Jahwe, die Wicca-Göttin, die “vier edlen Wahrheiten” oder eine Reihe unantastbarer ethischer Prinzipien -, denn so ziemlich alles andere, was Sie anbeten, frisst Sie bei lebendigem Leib auf.

David Foster Wallace spricht in der Folge von Standardeinstellungen. Wir sind geradezu besessen von Dingen, von Vorstellungen, von Begehren, von Sehnsüchten, die sich alle um uns und recht oft um Besitz drehen. Heimtückisch daran ist, dass all das so unbewusst ist.

The insidious thing about our love for stuff is that it’s unconscious. We often worship things in our life without knowing that we worship them at all. We place value and meaning in things, things that don’t mean anything to us - not really.

Verstandesmäßig wissen wir, dass all unsere Besitztümer nicht halbwegs so wichtig sind wie unsere Familie, unsere Freunde, unsere Zeit. Auf der emotionalen Ebene aber sind wir zutiefst verbunden mit dem Materiellen um uns herum.

It’s easy …

… to feel connected to your posessions. You never have to worry if your things will love you back, you never have to worry about them dying or losing interest in you or leaving you for someone else.

Natürlich ist das Unsinn, wie jeder weiß, der sich an die Trauer und den Zorn erinnert, die aufkamen, als das geschenkte Spielzeug einst dann doch kaputt war oder verloren ging. Dennoch verlieren wir unser Herz jedes Mal erneut an ein Produkt, von dem wir innerlich hoffen, es würde unser Leben retten - oder uns begleiten bis ans Ende der Tage. Der Kopf weiß, dass wir uns in eine Illusion flüchten, aber die Illusion fühlt sich so richtig an …

Wie wäre es damit, Kopf und Herz zur Abwechslung mal auf eine Höhe zu bringen?

Ist die Standardeinstellung, so hören wir von den Autoren von Simplicity, auch nicht unser Fehler, so liegt es dennoch in unserer Verantwortung und in unseren Möglichkeiten, die Standardeinstellung, das default setting, neu zu justieren:
People who are “well adjusted” have a belief template in which their intellectual beliefs coincide with their emotional beliefs.

Eine Übereinstimmung, die nicht zufällig und von selbst geschieht sondern, zu weiten Teilen, Folge einer bewussten Entscheidung, einer klar gesetzten Intention ist. Das beginnt in etwa mit der Frage, was eigentlich wirklich bedeutsam ist in unserem Leben. Was brauchen wir, um glücklich zu sein? Die Antwort ist simpel: Nichts. Alles, was es zum Glück und zum Leben braucht, ist in der Regel schon längst bei uns und wird gern mit Worten wie Liebe, Zeit, Freunde, Frieden … benannt.

Was dann folgt, ist nicht ganz so einfach und im Grunde eine lebenslange Übung: Wenn ich weiß, dass ich im Grunde nichts nichts zu meinem Glück brauche außer dem, was immer schon bei mir, um mich, ist, kann ich mich daran machen, dieses Wissen in Übereinstimmung mit meinem bauch- und triebgesteuerten Leben zu bringen.

Einfachheit und Minimalismus fungieren auf diese Weise als ein Weg, sich in einem bewussteren Leben zu üben - mit bewussten Entscheidungen, erfüllt, mit Sinn. Im Idealfall ganz ohne dass wir etwas brauchen, das uns unseren Sinn erst noch gibt. Tatsächlich handelt es sich um einen - teilweisen - Rückzug aus einer Kultur, deren Objekte, deren Angebote und uns überfordern, und deren Versprechen uns nicht selten (eigentlich immer?) enttäuschen.


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