18.08.2018

Endland

und es fragt sich / war das etwa schon alles? / lügt denn die Welt / und wenn nicht?
ist sie am Ende / im Rückstand / gegenüber der Moral der Geschichte

Blumfeld

Im Jahr 2007 erarbeitete ich mit einer freien Theatergruppe eine Performance mit dem Titel Krieg! Anleitung zum richtigen Denken. Auf Basis umfangreicher Recherchen zu Kriegspropaganda und europäischer Verteidigungspolitik imaginierten wir eine "European Patriotic Agency", die im Auftrag der damals noch weitgehend im Unsichtbaren agierenden Europäischen Grenzschutz-Agentur Frontex durch Europa reiste, um die Bevölkerung auf den Ernstfall einzuschwören. Die "Anleitung zum richtigen Denken" beinhaltete Patriotismus und Abschottung, die Bereitschaft zur Verteidigung und die Rechtfertigung von Gewalt. So sehr ich von der Bedeutung unserer Produktion überzeugt war – ich hätte mir nicht vorstellen können, dass diese agitatorische Fiktion einst von der Realität eingeholt werden könnte.

Was in diesem Land in den letzten Jahren passiert ist, mutet wie eine ganz ganz schlechte Polit-Satire an. Oder wie ein Albtraum. Nach einem kurzen Willkommensrausch 2015 ist die Politik vor Angst vor der vermeintlichen "Flüchtlingsfrage" nahezu erstarrt. Rechtspopulisten und nicht selten auch Rechtsextreme diktieren die Agenda im Land; während die Zeit davonläuft, um wichtige politische Projekte anzugehen, bestimmen die Sorgen "besorgter Bürger" den tagespolitischen Diskurs. Verzweifelt fragen sich einstige Volksparteien, wie sie für "Sicherheit und Ordnung" sorgen können, während das Land gespalten, verunsichert, "in Aufruhr" scheint (wie letztens erst Thomas Kerstan in der ZEIT behauptete). Die Popularität der AFD gilt als Gradmesser dafür, wie erfolgreich – oder "am Bürger" vorbei – die Politik agiert. Während Europa zerbricht, zieht es sich gleichzeitig in die "Festung Europa" zurück. Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, weil sie den von uns (mit-) verschuldeten Konflikten zu entkommen versuchen. Und Frontex sichert unsere Außengrenzen. Der Kreis schließt sich.

Die Außenseiter

In seinem 2017 erschienen Band Die Außenseiter erforscht Philipp Ther die Geschichte von Flucht, Flüchtlingen und Integration im modernen Europa, beginnend bei den Hugenotten bis hin in die jüngste Gegenwart.

Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge (und andere Migranten) historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen.

Dennoch ist sein Buch – neben einigen Beispielen für gelungene Integration – eine Chronik unermessbaren menschlichen Leides und des regelmäßig wiederkehrenden politischen Versagens. Erst nach der Katastrophe des Holocaust und des 2. Weltkrieges gelingt mit der Gründung des UNHCR und der Genfer Flüchtlingskonvention eine Wende in der internationalen Flüchtlingspolitik, die Flüchtlingen grundlegende Rechte einräumt – und den Staaten Verpflichtungen auferlegt. Vielleicht, so Ther, ist diese Wende, ein seltener Lichtblick in der Geschichte,

durch die sogenannte "Flüchtlingskrise" und den weltweiten Siegeszug der neuen Rechten nun an ihr Ende gekommen.

Wir befinden uns weit, weit im Rückstand gegenüber der Moral der Geschichte. Wie weit, davon kann man sich anhand des aufwühlenden Films My Escape ebenso ein Bild machen wie in der als Jugendroman getarnten Zukunftsvision Endland von Martin Schäuble.

Endland

Schon 2016 unternahmen Francois Durpaire und Farid Boudjellal in ihrer Graphic Novel Die Präsidentin einen Versuch, zu beschreiben, wie dieses "Ende" auch eines humanistischen Europa sich vollziehen könnte. Sie schildern auf Basis des Parteiprogramms des Front National die ersten 200 Tagen einer Präsidentschaft von Marine Le Pen. Während sich dort das große Projekt einer Umgestaltung der Gesellschaft durch eine rechtsextreme Regierung nur in den ersten Schritten abzeichnet, geht Martin Schäuble in seinem Roman Endland weiter.

In Deutschland herrscht die "Nationale Alternative". Die Umgestaltung der Gesellschaft ist in diesem in naher Zukunft liegenden Deutschland noch nicht abgeschlossen, doch das Land befindet sich fest im Griff einer rechtsextremen Regierung, die keine Mittel und Wege scheut, ihre Wahlversprechen in die Tat umzusetzen. Ein schlanker Staat ist entstanden, der öffentliche Aufgaben privatisiert, die Bildung gleichschaltet und die Medien kontrolliert. Die D-Mark ist wieder eingeführt, die Grenzen werden militärisch gesichert, und Flüchtlinge sind in der neuen Sprachregelung "Invasoren".

Aus Sicht von drei Figuren schreibt Schäuble ein bedrückendes Lehrstück über rechtspopulistische Rhetorik, über Verunsicherung, Angst und vermeintlich einfache Antworten, die in der Realität weitreichende Konsequenzen haben.

Anton ist begeistert von der neuen Politik, die versprochen hat, alle Probleme zu lösen; er hat sich beim Militär verpflichtet und sichert mit seinem Freund Noah die Grenzen. Wir lernen beide bei einem nächtlichen Einsatz kennen, bei dem sich Noah trotz Schießbefehl weigert, auf die Flüchtlingsfamilien zu schießen, die ihnen ihre Wärmekamera zeigt. Denn Noah ist nicht nur ein gut informierter Computer-Nerd, sondern vehementer Kritiker der neuen Regierung. Im Laufe des Buches entwickelt er sich zum Dissidenten, der die Techniken und Systeme der Nationalen Alternative nutzt, um sie gegen sie zu verwenden.

"Von wegen Deutschland! Endland, so müsste man das Land jetzt nennen..."

Anton hingegen wird als Flüchtling getarnt und landet mit einem geheimen Auftrag im letzten Flüchtlingslager, das es in Deutschland noch gibt. Dort lernt er Fana kennen, eine junge Frau aus Äthopien, die die lange Flucht auf sich genommen hat, um dem Hunger zu entkommen und sich für sich und ihre Familie eine Zukunft zu erarbeiten. In der Realität des Flüchtlingslagers lernt Anton, dass die Antworten, an die er geglaubt hat, doch zu einfach waren. Die Begegnung mit Fana führt zu einer ungeahnten Entwicklung, an deren Ende Anton ein anderer sein wird und die Politik der Neuen Alternative auf grausame Art bloßgestellt wurde.

Worum es mir schlussendlich geht bei ENDLAND, ist es, zu zeigen, wie verändert sich unser Land, wenn es von einer Partei wie zum Beispiel der AFD regiert wird, wenn das komplette Parteiprogramm umgesetzt wird. Und da reden wir jetzt nicht nur von den populistischen Äußerungen zum Thema Flüchtlinge.

Schäuble schreibt schnell, rasant. Innere Monologe und knappe Dialoge treiben die Handlung voran und lassen diese drei so widersprüchlichen Figuren lebendig werden. Intensive Recherche und Auseinandersetzung ging dem Buch voraus – sowohl mit der AFD als auch vor Ort in Äthopien. Der Roman gewinnt durch diese journalistische Grundlagenarbeit Authentizität, Dringlichkeit und Faktizität, der man sich kaum zu entziehen vermag.

Er bleibt dabei jedoch nicht stehen. Denn die Geschichte von "Endland" zeigt, neben der düsteren Dystopie, welche Kraft und Bedeutung persönliche Begegnungen haben. Von Angesicht zu Angesicht, in kleinsten Begebenheiten und zufälligen Situationen entsteht, wodurch wir dem manchmal so aberwitzigen Rad der Politik in die Speichen greifen können. Nicht zu unrecht fühlt man sich während der Lektüre an George Orwells 1984 erinnert. Leute, lasst uns miteinander reden!

Stellen wir uns doch einmal diese Utopie vor: Tausende von Schülern lesen in der Schule Endland. Dann kommen sie nach Hause und fangen an, mit ihren Eltern zu diskutieren: Warum wählt ihr diese Partei?

Die Präsidentin ist erschienen bei Jacoby&Stuart.
Endland ist erschienen bei bei Hanser.
Die Außenseiter ist erschienen bei Suhrkamp.


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