12.04.2013

Meine kleine Kulturkritik

Als der Mensch zur Welt kam, begann ihm auch gleich die Welt zum Zeug zu verkommen … Schon war es passiert: Sündenfall! Rausgeworfen aus dem Paradies! Dank eines winzigen Gedankens nur? Und das Tor verschlossen für alle Zeit?

Also machte der Mensch, was mensch am besten kann: Er machte sich auf den Weg. Der lange Weg führt Schritt für Schritt ins Paradies, sangen Ton Steine Scherben, und schon Kleist bzw. einer seiner listigen Erzähler meinte, das Bewusstsein, diesen Schelm, einfach via Meta-Bewusstsein überlisten zu können:

Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es (das Paradies) vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.

Werkzeuge für Mängelwesen

Der Witz, dem sich Kleist wahrscheinlich bewusster war als Rio Reiser: Problem und Lösung sind eins. Oder auch: Der Ausgang wird der Eingang sein. Wenn überhaupt. Was uns den Eingang ins Paradies versperrt, lässt uns gleichzeitig den langen Weg nachhaus nehmen. Denken, Geist, der Hang ins Offene - was uns mit einem Tritt aus der Welt hinaus befördert hat, bringt uns einzig zu ihr zurück.

Der Mensch, auch Mängelwesen genannt, hat aus der Not schon in frühen Tagen eine Tugend gemacht. So ist ihm die ganze Welt Werkzeug, um eigene Mängel auszugleichen. Es galt lange Zeit nur die richtigen Tools zu erfinden und zu erschaffen - vom Faustkeil bis zur Blindenschrift, vom Alphabet bis zur digitalen Cloud. Auf die Extension kommt es an. Soweit die Geschichte.

Irgendwann entpuppte sich bisher allerdings jedes Ziel, jeder Sinn, jedes Objekt der Begierde selbst nur als Zeug - ein Großteil unserer via Werkzeug erschaffenen Welt verkommt uns unter der Hand zu einem Instrument, das neue Begehren schafft, auf neue Sehnsüchte, Projektionen, Zwecke abzielt.

Dem Paradies sind wir bisher, allen Heilsversprechen (zuletzt: Google), nicht nähergekommen. Und einen End-Zweck - den möchte man sich auch gar nicht vorstellen.

Die Möglichkeit von Möglichkeiten

Seit er denken kann, klemmt der Mensch in der Schere zwischen Möglichkeit und Machbarkeit. Dank seiner Weltoffenheit gelingt es ihm, dass der Horizont vor den Gedanken des Schöpfers permanent zurückweicht. Mittlerweile aber kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass die menschliche Kultur so langsam bei sich ankommt.

Nach der x-ten Wiederholung der Episode, in der das Rad neu erfunden wird, dämmert es nämlich nicht nur Serienjunkies, dass es eigentlich immer dasselbe Rad ist, das da die Menschheitsgeschichte revolutioniert. Kultur ist - und war schon immer - nichts anderes als die permanente Bereitstellung von Möglichkeiten, die Möglichkeit von Möglichkeiten. Selbstreflexion pur. Führt sie am Ende gar nirgendwo hin?

In der Gegenwart zeigt die Möglichkeit der Digitalisierung, was es mit dem ganzen Überbau auf sich hat: Nichts als Information, ob es um Buchstaben, Zahlen, Noten oder Geld geht. Im Digitalen endet die Kultur, wenn wir nicht aufpassen, als bloßer Möglichkeitsproduzent in einer Endlosschleife.

Was ist das Smartphone anders als eine neue Hülle für einen ganzen Weihnachtsmann-Sack von Möglichkeiten? Als ein Versprechen, das den Osterhasen grün werden ließe vor Neid? Was, du hast location based services nie vermisst? Dabei bist du doch schon längst auf dem Königsweg zu noch mehr Möglichkeiten, die noch mehr Möglichkeiten bereitstellen werden! Du kannst doch nicht guten Gewissens zurück gehen?

Streams of Music in der Informationsgesellschaft

Wie jüngst zu lesen, feiert die Musikindustrie nach langer Durstphase ihre Auferstehung - dem Musik-Streaming sei Dank. Wie manch kritische Stimme bemerkte, feiert allerdings eher die Industrie, viel weniger die Künstler. Neben ganz monetären Gründen könnte das auch damit zu tun haben, dass Information (siehe oben) eben jeglicher Aura entkleidetes Zeug ist - und nicht viel mehr. Unterscheidung und Bedeutung erlangt Zeug durch seinen Zweck und durch die Frage, wie gut es den jeweiligen Zweck meistert.

Ein Kunstwerk allerdings lebt vom Anspruch auf Absolutheit. Ein Song funktioniert nur, wenn er dich alle anderen vergessen lässt. Im Streaming verweist ein Song immer schon auf den nächsten. Das ist durchaus im Sinne der Musikindustrie, doch nicht unbedingt im Sinne des Künstlers. Aber sei es drum: Im Zeitalter des Hyperlinks, wo alle Informationen mit allen Informationen verknüpft sind, wird dich die Musik, die du gerade hörst, immer gleich auf die Idee bringen, was du noch alles hören könntest.

Warum? Weil es möglich ist.

Ich habe selbst fast ein Jahr lang das Überangebot via Streaming genossen. Irgendwann musste ich abschalten. Jetzt kaufe ich mir wieder Schallplatten, auch wenn ich genau weiß, dass ich Musik nicht besitzen kann. Ich verfüge über keine mentale Strategie, die mir den Umgang mit der Verfügbarkeit des kompletten Back-Katalogs der Popmusik ermöglicht.

Das Digitale, die mit dem Internet einhergehende permanente Verfügbarkeit, die Möglichkeit zum dauerhaften Konsum, die Herausforderung durch die sich gegenseitig überbietenden (und gleichzeitig entwertenden) Möglichkeiten: es ist, als hätte der Zauberlehrling die Kräfte losgelassen, die nun ohne Sinn und Zweck Staub aufwirbeln, schneller werden, mächtiger werden und uns Gut und Böse vergessen lassen.

An das Paradies denkt bei diesem Überangebot sowieso niemand mehr.

(Jetzt bin ich aber still.)


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