23.10.2014

Selbstbildnisse der Gegenwart

Ein Artikel auf ZEIT ONLINE(1) beschreibt unter dem Titel Geistreiches Nichtstun „neue“ Erkenntnisse der Hirnforschung: Geist und Seele brauchen Pausen, um neue Ideen zu entwickeln, wieder kreativ sein zu können. Der durchaus lesenswerte Artikel beginnt mit der nicht wirklich neuen Diagnose: Wir wären gern ruhiger, wir hätten gern mehr Zeit. Aber, leider, leben wir ja im Informationszeitalter

Eine Auszeit, in der man »mit sich selbst Kontakt aufnimmt« – davon können die meisten lediglich träumen. Im Gegenteil, wir sind permanent online und allzeit erreichbar – und haben zugleich ständig Angst, etwas zu verpassen und abgehängt zu werden; wir leiden an Reizüberflutung und dem Gefühl ständiger Überforderung – und gieren gleichwohl nach schnelleren Datenleitungen und leistungsfähigeren Handys; wir fühlen, wie unsere Zeit immer knapper wird, sehnen uns nach Muße – und fürchten zugleich nichts so sehr wie das Nichtstun und die Langeweile.

Was mir an solchen Selbstbeschreibungen der Gegenwart aufstößt: Da scheint es irgendeine Macht zu geben, einem Naturgesetz gleich, die uns diesem immer mehr und immer schneller widerspruchslos unterwirft. Hier scheint jene Alternativlosigkeit durch, an der wir - scheinbar aus Langeweile - im in die Jahre gekommenen Kapitalismus geradezu zu leiden scheinen. Sonst würden wir ja endlich mal aufhören, uns in dem immer gleichen Selbstbildnissen manisch-melancholisch zu spiegeln.

Wer hat hier eigentlich die Verantwortung?

In Wahrheit sind es unsere Gewohnheiten und Verhaltensmuster, sind es Sicherheitszonen und Bequemlichkeiten, denen wir unsere Entscheidungen überlassen. Denn:

  • ich entscheide mich, permanent online sein zu müssen;
  • ich glaube, allzeit erreichbar sein zu müssen;
  • ich allein habe Angst, etwas zu verpassen;
  • ich leide an Reizüberflutung und
  • ich kann nicht damit leben, wenn die neuesten Apps (die mir nur noch mehr zeigen, was ich alles verpassen könnte) auf meinem schon drei Jahre alten Handy nicht mehr laufen …

Kurz: wenn ich gern ruhiger wäre, mehr Zeit hätte, unzufrieden bin, dann bin ich der einzige, der etwas an meinem Zustand ändern kann.

Aber zu der Gier nach allem, was mir fehlen könnte, gehört wohl auch die Sehnsucht nach Verantwortung, die uns ja von all den Netzwerken, Unternehmen, Geheimdiensten usw. abgenommen wurde. Zum Glück rücken all die Big Brothers & Sisters unsere Verantwortung freiwillig nicht wieder heraus - sonst müssten wir am Ende doch noch unser Leben ändern!


  1. Geistreiches Nichtstun. ZEIT ONLINE, 06. Dezember 2010. http://www.zeit.de/2010/49/Geistreiches-Nichtstun