07.12.2012

Wofür? Ein Brief.

Lieber Freund,

du kennst das sicherlich genauso wie ich: diese unentwegte Betriebsamkeit, das Treiben durch den Tag, das sich anfühlt wie ein Getriebenwerden (nur von wem?), die ameisenhafte Geschäftigkeit, eine permanente Bewegung, die sich doch anfühlt wie ein leises auf der Stelle Treten, das keine Spuren hinterlässt, weil es die eigenen permanent auslöscht. Geschäftigkeit. Busy sein heißt: in Beschlag genommen, beschäftigt sein, auf dass wir uns die Zeit vertreiben mit diesem und mit jenem … Busy zu sein heißt ja auch, irgendwie wichtig zu sein, und Beschäftigung ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Doch so, mit Kleinigkeiten hier, Projekten dort, das bisschen Alltag macht sich auch nicht von selbst, vergehen die Tage - Tage mit viel Inhalt, ohne Grund, wie es mal jemand treffend auf den Punkt brachte.

Im besten Fall haben wir ja selbst irgendwann diese Maschine in Gang gesetzt. Und im besten Fall hatten wir dafür auch einen Grund - ob es ein guter war, zeigt sich erst irgendwann im Nachhinein und ist dann eigentlich auch nicht mehr wichtig. Die einmal ins Rollen gebrachte Bewegung jedenfalls macht mit einem, mit mir zumindest, manchmal, was sie will, und begeistert (oder gelangweilt) von sich selbst liegt der Grund dann eben da: auf dem Grund, überlagert von Sedimenten, Schichten aufgewirbelten Staubs, der sich kaum zu legen vermag, bevor er schon wieder aufgewirbelt wird, von viel heißer Luft und als leer empfundener Zeit.

Bis dir jemand die Frage stellt: Wofür?

Wofür lebst du? Was möchtest du bewirken? Was ist das Ziel deiner Tage? Wofür stehst du früh auf, wofür machst du den Rechner an, wofür schreibst, arbeitest, lebst du?

Worum geht es dir, wollte neulich jemand von mir wissen. Bewegung kam in meine Gedanken. Eine bessere Welt? Freiheit? Aufklärung? Erleuchtung? Dass unsere Kinder verdammt nochmal auch noch dazu kommen, Kinder großzuziehen, bevor es der Erde das Licht ausbläst? Dass es eine Zukunft gibt, eine Offenheit, ein Bewusstsein? Dass die Menschen die Möglichkeit haben, zu sich zu kommen, sich wahrzunehmen? Wenigstens die Menschen in meinem Umfeld? Dass man Zeit füreinander hat, weswegen es ja diese ganze Technologie geben sollte: um die Menschen zu entlasten, das Leben zu vereinfachen, Zeit freizusetzen, in der man wesentlich werden kann? Oder erwarte ich da zu viel? Geht es mir vielleicht, wie jedem anderen unter Umständen auch, nur darum, Geld zu verdienen, das mir ein angenehmes Leben ermöglicht, in dem ich noch lange möglichst viel Geld verdienen kann, um mir noch länger ein noch angenehmeres Leben zu ermöglichen, mit allem was die Zukunft an Angenehmem bereithält, und unter größtmöglicher Vermeidung von Schmerz?

Je älter ich werde, oder je verwickelter in dieses Leben und meine Geschichte, umso schwerer fällt es, eine Antwort auf eine solche Frage zu geben. Womit sich der Kreis schließt: der Grund, das Ziel, der Sinn rücken gern und bereitwillig in den Hintergrund, wenn es darum geht, den (vermeintlichen) Forderungen des Tages zu entsprechen. Und prompt sind sie da: die Tage mit viel Inhalt …

Zum Kern kommen: Worum geht es hier?

Nein, eine Antwort auf die Frage nach dem Wofür vermochte ich nicht zu geben; sie wäre reine Theorie, bloßes Gefasel gewesen. Große Worte, kalter Kaffee. Verblüfft und begeistert hat mich allerdings, dass allein diese Frage,

Worum geht es dir?

Klarheit gestiftet, Energie gegeben, Kraft (und Lust) freigesetzt hat. Als wäre dadurch die Suche nach der eigenen Intention oder Haltung in jede einzelne Handlung zurückgekehrt. Als würde der Getriebene staunenderweise feststellen, dass er sein eigener Antrieb sein kann - und sei es, um in jeder Bewegung neue Gründe zu finden für das, was er treibt.

Mag sein, dass der solchermaßen Suchende irgendwann feststellt, dass das Gesuchte, die Antwort auf die Frage nach dem Warum, gar nicht existiert und auch nicht existieren muss; auf der durch die Frage losgetretenen Suche kommt der Suchende vielleicht zu der Beobachtung, dass das vermeintlich Wesentliche schon in der Handlung selbst liegt. Das aber in einem späteren Brief.

M.

PS. Vielleicht geht es auch einfach darum, einander immer wieder die Frage nach dem Wofür zu stellen, einander überhaupt immer wieder mal Fragen zu stellen, damit man erleichtert, befreit, inspiriert, bewusst (oder was auch immer) zurück in den Alltag gehen kann. Sollte mir das ein oder andere ab und an gelingen, lass es mich wissen.