03.05.2013

Zen, Business, Liebe

Der höchste Weg ist nicht schwer,
wenn du nur aufhörst zu wählen,

heißt es im Shinjin Mei, den Versen über den Glaubensgeist, die der Zen-Patriarch Sosan im 6. Jahrhundert verfasst hat. Die nicht sonderlich umfangreiche, in einfachster Sprache gehaltene Inschrift über das Vertrauen in den Geist ersetzt ganze Bibliotheken voller spiritueller Ratgeber.

Marc Lesser wiederum ist auch Zen-Lehrer; vor allem aber ist er Unternehmer, Coach und Redner. Lesser hat jüngst ein anregendes und hilfreiches Buch veröffentlicht: in Know yourself, forget yourself untersucht er mit Lehren aus dem Zen-Buddhismus fünf Paradoxa, die zu befreienden Einsichten in Arbeit, Beziehung und Alltag verhelfen können. Klingt schwierig? Lessers Argumentation lässt sich komplett folgen, ohne dass man in Glaubensdingen auch nur einen Hüpfer machen müsste (was im Zen im übrigens ja auch nicht so viel anders ist). Das Buch taugt vorzüglich als Hilfestellung im (Unternehmens-) Alltag: die sehr genau analysierten Paradoxien sensibilisieren für die vielen Geschichten, die man sich so permanent selbst erzählt bzw. von anderen gern erzählen lässt.

Typically, we choose how we want to experience something and that guides our actions. Then, when and if we experience difficulties or unhappiness, insight is whatever wakes us up so that we see the choice we've made. Insight is understanding that we have, in fact, made a choice ...

Fight for Change, Accept what is.

Eines dieser Paradoxa ist der Widerspruch zwischen dem Kampf für Veränderung und dem Akzeptieren der Realität. Akzeptieren oder Verändern, Konvention oder Innovation - wie oft lässt sich das nicht voneinander trennen oder klar entscheiden?

Die Frage kann man nicht einfach auf Arbeit lassen; man hat mit ihr in allen Lebensbereichen zu tun und wird wohl nie eine endgültige Antwort finden. So lernt man vom Leben für die Liebe und von der Liebe für das Leben. Lesser erzählt von einer Feier zum 30. Hochzeitstag, wo unter den Gästen die Frage aufkam, was das Geheimnis für langjährige Beziehungen sei.

The secret to long-term relationships is to constantly lower your standards,

sagte jemand. Das Geheimnis von langjährigen Beziehungen ist, so Lesser, einfach zu lieben:

just love without comparing, without critizing, without measuring. Accept yourself and your partner with an open and loving heart. Love and see what happens without expectations.

Vergiss deine Standards, deine Ansprüche, deine Erwartungen; nehme wahr, was du denkst und wie du urteilst, aber mach dir keine Illusionen: Love is blindness, nicht Argumentation. Beginnst du zu vergleichen und zu messen, läufst du Gefahr, das zu verlieren, was die Beziehung einzigartig macht. (Was sich im übrigen auch mit dem trifft, was Houellebecq den 68ern vorwarf: die Einführung des Diskursiven und damit auch des Austauschbaren in die Liebe; die Nivellierung des religiösen Moments.)

Liebe dich selbst

Dies betrifft, so Lesser, jede Beziehung: nicht zuletzt die am längsten währende Beziehung, die wir haben - die zu uns selbst.

Our list of disappointments with others sometimes doesn't hold a candle to the list we create for ourselves.

So sehr wir, egal ob in Beruf oder Alltag, nach Veränderungen streben, so sehr wir uns Ziele setzen und an Verbesserungen arbeiten - so heilsam ist es, grundlegend in das zu vertrauen und das zu akzeptieren, was wir sind oder - ungeachtet der Ergebnisse unserer Arbeit - sein werden. Die Alternative zur Selbstliebe nämlich wäre, sich mit Zweifeln und Selbstkritik die Kraft und Zuversicht zu rauben, die es doch braucht, um mit dem eigenen Ich durch dick & dünn zu gehen.

Set hight standards, then forget about your standards.

In der Zwischenzeit bei Sosan:

Lass all deine Meinungen fahren.
Zwiespältigkeit halte nicht fest.
...
Auch eine Spur von richtig und falsch,
und der Geist ist in Wirren verloren.


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