Von fünf Flüssen und tausend Seen
Es sollte diesen Sommer in jedem Fall etwas mit Bewegung sein: viel draußen, viel unterwegs, viel erleben. Mit dem Fahrrad oder mit dem Boot? Da wir uns nicht entscheiden konnten, machten wir einfach beides...
Und so brachen wir Anfang Juli zu einer kleinen familienfreundlichen Fahrradtour in die Oberpfalz auf, um im Anschluss mit Kajaks die Mecklenburgische Kleinseenplatte zu erkunden. Beide Touren waren wir zumindest teilweise schon gefahren, wir wussten also in etwa, was uns erwartet...
Unterwegs auf dem Fünf-Flüsse-Radweg
Dennoch: nichts bereitet einen so richtig auf das Glück vor, das einsetzt, sobald sich die Räder drehen.
Als Startpunkt hatten wir Amberg ausgewählt, das dieses Jahr mit den Fahrrädern in der Bahn kaum erreichbar war. Einen besseren Einstieg in den abwechslungsreichen, sehr familienfreundlichen Fünf-Flüsse-Radweg kann ich mir kaum denken. Schon kurz nach dem Start in der malerischen Altstadt ist der erste Fluss (in diesem Fall die Vils) ein steter, fröhlicher Begleiter – fernab allen Straßenverkehrs radeln wir unter Brücken und durch Parks aus der Stadt heraus.
Fahrradfahren: Genuss vom ersten Kilometer an.
Der Fünf-Flüsse-Radweg ist ein idealer Radweg für Einsteiger oder Familien mit Kindern, der als Rundweg zwischen Nürnberg und Regensburg konzipiert ist. Für sächsische Verhältnisse ist es geradezu traumhaft, wie dabei fast jeglicher Straßenverkehr gemieden wird. Wenige und sehr moderate Steigungen im Streckenverlauf, zahlreiche Campingplätze und Unterkünfte sowie gastronomische Angebote an der Strecke, abwechslungsreiche Landschaften und in regelmäßigem Abstand sehenswerte Städte – all das macht den Radweg gerade für Familien sehr attraktiv. Der schönste Streckenabschnitt – zumindest auf dem von uns befahrenen Teil – ist indes der zwischen Amberg und Regensburg.
Von Amberg nach Regensburg
Kaum haben wir die endlosen Parks verlassen, durch die der Radweg aus Amberg hinaus führt, gleiten wir auf einem alten Eisenbahndamm entspannt durch durch die waldige Landschaft am Ufer der Vils. Anstrengungen sind hier Fehlanzeige. Dafür viel Schatten, die ersten der – wie das Marketing stolz behauptet – 70 Biergärten an der Strecke, Dörfer, die wir auf Höhe der Hausdächer durchqueren, und immer wieder der malerische kleine Fluss, der an einzelnen Stellen auch zum Baden einlädt. Unser erster Halt ist, wenige Kilometer von Amberg entfernt, der Markt Rieden. Der Campingplatz hier punktet vor allem mit dem benachbarten Freibad, zu dem wir freien Eintritt haben. Am Abend beobachten wir Enten und Biber an einer Biegung des Flusses.
"Schneller als mit dem Fahrrad kommt man nirgends im Urlaub an."
Weiter geht es südwärts: an der Strecke liegt das malerische Kallmünz, das wir leider an einem (sehr heißen) Montag besuchen – das Örtchen ist, bis auf wenige Tourist*innen (und vor allem Radfahrer*innen) nahezu ausgestorben, viele Läden und Restaurants öffnen erst in der zweiten Wochenhälfte. Die malerische Kulisse des sich an einen felsigen Hang schmiegenden Ortes lässt an Italien denken. Wir wechseln von der Vils an die Naab, die, um einiges breiter, im Streckenverlauf mit mehreren Flussbadestellen lockt. Besonderes Vergnügen: in den Fluss springen und mit der Strömung flussabwärts schwimmen. Der Campingplatz in Pielenhofen liegt malerisch am Fluss und hat einige Badefreuden zu bieten.
Schon sind wir nach einer kurzen dritten Etappe in Regensburg. Die Stadt ist an sich einen Ausflug wert. Die Fahrräder lassen wir an der Donau (schon der dritte der fünf Flüsse!) stehen, dann tauchen wir in die belebte Stadt ein. Klar werden hier Touristenmassen durch das Weltkulturerbe geschleust, aber es sind die vielen kleinen belebten Ecken der Stadt, die uns begeistern. Klar essen wir in einem bayrischen Biergarten zu Mittag. Und klar: In all den pittoresken Altstadtgässchen lässt sich wunderbar shoppen – das lassen wir uns nicht entgehen. Doch überall warten malerische Winkel darauf, entdeckt zu werden. Irgendwann stolpere ich halbblind aus dem hellen Mittag in den stillen, kühlen und dunklen Dom. Kirchen sind auf dieser Reise eine willkommene Möglichkeit zum Innehalten.
Am Abend baden wir in der Donau, bevor ein Gewitter den Zeltplatz – direkt an der Donau gelegen, klein und sehr idyllisch – flutet. Wir sind erst zwei Tage unterwegs, an drei Flüssen geradelt und gefühlt Lichtjahre vom Alltag entfernt.
An Donau und Altmühl
Wir haben eine Grobplanung für die Tour, die als Ziel am Ende der Woche Nürnberg vorsieht – die zweite Großstadt am Fünf-Flüsse-Radweg. Die gesamte Runde ist für sportbegeisterte Radfahrer*innen mühelos innerhalb von vier, fünf Tagen zu schaffen. Wir haben uns bewusst für ein langsameres Tempo und kürzere Etappen entschieden. Von Regensburg brechen wir westwärts entlang der Donau zu unserer längsten Etappe auf. 50 Kilometer werden wir fahren. Allerdings wissen wir das am Morgen noch nicht (das Kind hätte wohl protestiert).
Der Abschnitt an der Donau ist im Vergleich zu Vils und Naab um einiges langweiliger und zäher. Nach einer Rast in Bad Abbach kommen wir bis Kehlheim. Hier bietet sich normalerweise eine Rast an, um mit dem Schiff durch den Donaudurchbruch zum Kloster Weltenburg zu fahren – wegen Niedrigwasser aber fahren in diesen Tagen keine Schiffe. Ansonsten hat Kehlheim nicht ganz so viel zu bieten, vor allem finden wir hier keine (bezahlbare) Unterkunft und fahren so weiter ins Altmühltal. Dem Regen entgegen.
Die Anstrengung wird belohnt: zwischen Kehlheim und Riedenburg führt der Radweg entlang der zum Kanal ausgebauten Altmühl durch ein grünes Tal, in dem wir uns – nicht zum letzten Mal in diesem Sommer – wie in einem anderen Land wähnen. Tatsächlich radeln wir an allerlei Attraktionen vorbei, die das Altmühltal zu bieten hat – Tropfsteinhöhle, Burgen, Archäologiepark: uns genügt fürs Erste die bezaubernde Perspektive vom Rad, das Grün, durch das wir wie in einem Rausch fahren, der Blick auf die Altarme der Altmühl. Wiederkommen müssen wir so oder so.
Inmitten der bergig-wilden Idylle liegt der etwas heruntergekommene aber herrlich authentische Kastlhof, wo wir unter Apfelbäumen zelten. Vorher beobachten wir minutenlang den Biber auf der anderen Flussseite.
So schnell wir in dieses verwunschene Tal hineingefahren sind, so schnell lassen wir es am nächsten Tag auch schon wieder hinter uns. Die Landschaft öffnet sich wieder, in Dietfurt a.d. Altmühl wartet noch eine Rast auf uns, dann sind wir auch schon in dem sehr belebten Städtchen Beilngries. Und entscheiden uns, den Fünf-Flüsse-Radweg zu verlassen: die Altmühl hat es uns doch mehr angetan als der Kanal, der als Ludwig-Donau-Main-Kanal von hier nordwärts Richtung Nürnberg führt. Die Altmühl darf in ihrem Lauf oberhalb von Dietfurt indes wieder das sein, was sie war, bevor sie zu Zeiten von Franz-Josef Strauß in das Kanalbett gezwängt wurde: ein lebendiger, überaus einladender kleiner Fluss.
Unsere Radtour neigt sich sowieso dem Ende: Nahe Beilngries werden wir noch einen Ruhetag am Kratzmühlsee verbringen, bevor wir mit dem Zug über Nürnberg zurück nach Amberg fahren und die Heimreise antreten.
Serviceteil Fünf-Flüsse-Radweg
Campingplätze:
- Campingplatz in Rieden mit Freibad
- Campingplatz in Pielenhofen
- Camping in Regensburg
- Kastlhof
- Camping in Dietfurt
- Campingplatz an der Kratzmühle
Infoseiten:
10 oder 1000 Seen? Wir haben nicht gezählt.
Zwei Tage später stehen wir schon am Mirower See im Süden von Mecklenburg-Vorpommern, schlagen die Zelte erneut auf, springen ins Wasser. Es ist der Abend vor der Kajaktour, die wir, wie schon vor ein paar Jahren, bei Paddel-Paul am Leppiner See starten. Wir haben uns zuvor auf der Website schon eine Route für die Woche ausgesucht und wollen nach einem Ausflug an die Müritz die "große Seenrunde" fahren. Im Laufe der Tourenbesprechung am nächsten Morgen werfen wir das über den Haufen. Ziel ist nun das Havel-Quellgebiet. Ein sportliches Vorhaben, das wir, soviel vorweg, nicht schaffen werden.
Auf dem Wasser stellt sich schnell ein ganz anderes Zeit- und Weltgefühl ein als auf der Fahrradtour. Schon nach der ersten Stunde wissen wir wieder, dass hier jeder Kilometer wirkliche Arbeit ist. Vier oder fünf Kilometer sind schon viel in der Stunde, und mehr als zwei Stunden am Stück zu paddeln ist kaum möglich. Während auf der Fahrradtour Städte wichtige Zielmarken waren, die den Tag strukturierten, verlieren Ziele auf dem Wasser ganz schnell an Bedeutung. Am Ufer sind es meist nur recht heruntergekommene Bootshäuser, die von menschlicher Bebauung künden – die Dörfer erahnt man meist nur zwischen den Bäumen. Und wirklich nennenswerte Städte gibt es in diesem Teil des Landes, südwestlich von Neustrelitz, nicht.
Vom Leppiner See aus paddeln wir südwärts an Mirow vorbei. Am zweiten Tag biegen wir von der viel befahrenen Müritz-Havel-Wasserstraße (MHW) ab und tauchen an der Fleether Mühle in eine andere Welt ein.
Ist das noch Deutschland?
Hier fahren keine Motorboote mehr, und – abgesehen von acht jungen, nicht ganz unanstrengenden Männern, die einen Junggesellenabschied feiern – sind wir fast allein auf dem Wasser. Die Drosedower Bek ist eine schmale Verbindung zwischen zwei Seen, die durch eine urzeitlich anmutende Naturlandschaft führt. Bek steht für Bach; ganz so schmal wird es zwar nicht, doch unser Tempo wird immer langsamer – man könnte kaum weiter entfernt vom Alltag sein.
Am nächsten Tag durchqueren wir die Schwaanhavel, einen kleinen Zufluss zur Havel, der durch die vom Wasser aus kaum einsehbare Wildnis mäandert. Schon vor einigen Jahren mussten wir hier an einigen Stellen aussteigen, um die Boote zu ziehen – der Wassermangel, der uns auf der ganzen Tour begegnet, macht sich hier noch deutlicher spürbar. Es fehlt nicht viel, und wir müssen die Boote tragen. Dafür sind wir auch hier fast allein.
Vor uns liegt – nach einer Regenpause auf dem Kanuhof in Wesenberg – der Woblitzsee, der uns von der immer schmaler und aufregender werdenden Havel trennt. Allerdings ist dieser größte See der Kleinseenplatte bei Wind für die schmalen Kajaks durchaus eine Herausforderung. Nach einem kurzen Test entscheiden wir, dass wir uns dieser besser nicht stellen – und kehren um. Statt das Havelquellgebiet zu erkunden, kehren wir nun doch zu unserem ursprünglichen Plan zurück und machen in den nächsten Tagen eine kleine Seenkreuzfahrt im Land der tausend Seen. Gezählt haben wir sie nicht.
Solange wir auf der Oberen Havelwasserstraße unterwegs sind (OHW), womit die Havel und die Seen gemeint sind, die sich an ihr entlang reihen, ist das recht kurzweilig; die Seen sind klein und die Havel und ihre Ufer meist schon anzusehen. Wieder ein schöner Campingplatz (die "Havelperle" am Ellbogensee), und dann geht es die letzten zwei Tage zurück auf die Müritz-Havel-Wasserstraße (MHW). Motorboote und große Seen, teilweise mit Gegenwind, sind unsere Begleiter. Das ist im Vergleich zur ersten Hälfte der Tour um einiges anstrengender und eintöniger. Die letzten beiden Campingplätze an der Diemitzer Mühle und in Mirow werden nach nur zehn bis fünfzehn jeweils herbeigesehnt.
Auch diese Tour sind wir exakt eine Woche lang unterwegs. Das Zeitempfinden aber ist ein völlig anderes. Haben wir auf der Fahrradtour an jedem Tag so viel gesehen, dass die Woche am Ende viel länger anmutete, so ist das hier genau anders herum. Kaum etwas ist passiert, der Rhythmus der Tage gleicht sich auf entspannende Weise einander an. Morgens baden in einem See, Frühstück, Kajaks packen, ablegen. Kleine Rast am Mittag, später dann anlanden, auspacken, Zelte aufbauen, baden, Essen kochen. Viel Kraft zum Lesen haben wir nicht. Meist schlafen wir ziemlich gut.
So vergeht die Woche wie im Flug – an einem heißen Sommertag sind wir schon nach wenigen Stunden wieder am Ausgangspunkt angekommen. Nach so viel Natur steht nun noch ein Tag in der kleinen Stadt Waren an der Müritz auf dem Plan. Einen schönen Abschluss für so eine Tour bildet ein Besuch im Müritzeum, dem kleinen, vollpackten Museum über die Geschichte und Natur der Seenplatte.
Fahrrad oder Boot?
Ich weiß es nicht.
Serviceteil Wasserwandern in Mecklenburg-Vorpommern
Campingplätze:
- Kanustation in Mirow
- Naturcamping am Zotzensee
- Kanuhof in Wustrow
- Kanumühle in Wesenberg
- Havelperle in Priepert
- Bibertours an der Diemitzer Schleuse
- Strandrestaurant Mirow Schleuse
Infoseiten: