Prägung

Nachdenken über Männlichkeit

„Er bekam ein bisschen Angst. Aber er zeigte sie nicht.“

Dies schreibt der Zweitklässer Christian in seiner ersten Kurzgeschichte über den etwas klein geratenen Franz aus den Büchern von Christine Nöstlinger. Der schaut in dieser Geschichte bei einem Spanien-Urlaub einem Stierkampf zu. Bekommt Angst. Zeigt sie nicht.

Das ist eins von vielen Bruchstücken, die der längst erwachsene Christian Dittloff in seinem dritten Roman Prägung versammelt. Wobei die Gattungsbezeichnung Roman von Dittloff, der in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert hat, ziemlich ausgedehnt wird. Sein Nachdenken über Männlichkeit erweist sich als vielschichtiger Essay, der Selbsterkundung, Memoir und Poetik gleichzeitig ist, eine Fundgrube für popkulturelle und gesellschaftliche Einflüsse aller Art ebenso wie schonungslose Selbstanalyse. Der Weg von Grönemeyers Frage, „wann ist ein Mann ein Mann“, zu der Frage, wie wir zu den Menschen geworden sind, die wir sind: es ist ein ziemlich kurzer.

Auch wenn Dittloff keinen Zweifel daran lässt, dass er eben nicht dem klassischen männlichen Ideal entspricht: „Ich winde mich jedes Mal bei der Zuschreibung Mann, auch wenn ich mich selbst als Mann sehe.“

„Mich interessiert vielmehr die sexistische Prägung aller Männer, ich möchte dort hinschauen, wo sie sich weniger eindeutig zeigt als in Muskeln, Waffen und demonstrativer Dominanz, mich interessiert ihre Ambivalenz.“

Und doch, der Autor zeigt sich selbst erschrocken darüber, zieht sich durch seine Biographie die Männlichkeit als roter Faden. Geprägt in einem patriarchalischen System, von Werten und Verhaltensmustern in Schule, Fernsehen, Musik, erfährt er sich in der Rückschau ziemlich oft als Nutznießer dieses von ihm gar nicht bewusst wahrgenommenen Systems.

Das soll dieser Text sein: die exemplarische Betrachtung eines mehr oder weniger durchschnittlichen Mannes in seiner Genese.

Nachdem Christian Dittloff 2019 in Niemehrzeit akribisch und schonungslos den Tod seiner Eltern und die eigene Trauer untersucht hat, hätte dieses Buch auch eine furchtbare Selbstentblößung ergeben können.

Der permanenten Selbstspiegelung setzt Dittloff jedoch die Reflexion über den Entstehungsprozess des Buches im Frühjahr 2022 entgegen. So thematisiert er permanent die eigenen Zweifel über die Angemessenheit seines Vorgehens, dokumentiert Anmerkungen und Nachfragen von Freund*innen und Lektor*innen und bricht so das im Entstehen befindliche Werk permanent auf. Das Ergebnis ist ein immens persönlicher Versuch, „ungeschützt vom Inneren“ zu erzählen.

Ein zweiter Kunstgriff hilft Dittloff, die chronologische Ordnung durch ein assoziatives Prinzip zu „stören“: aus dem Wort Steinbruch bastelt er sich Bezugsworte, die sehr lose die Themen der einzelnen Kapitel vorgeben – wie Kühlschrankmagnete, die der Erinnerungssuche die Richtung weisen.

Christian Dittloff: Prägung. Nachdenken über Männlichkeit. Berlin Verlag 2023

“Dieser Text sucht.“

Und so geht die Suche nach den eigenen Prägungen los: natürlich immer wieder auch bei den Eltern, im Kindergarten, bei den Schulfreunden und -freundinnen, bei Fernsehsendungen und Vorabendserien. Dittloff beschreibt die erwachende sexuelle Neugierde und wie sich diese Neugier und Verspieltheit bald verliert: in Imitationen von Vorbildern aus der Rockmusik etwa oder im gemeinschaftlichen Pornokonsum. Da ist Mann noch gar nicht im Internetzeitalter angekommen.

Kurt Cobain und Wladimir Putin, Hermann Hesse und Albert Camus, Ernest Hemingway und Charles Bukowski: Wie sehr wir in unserer Kultur von Männern geprägt sind, zeigt sich schon allein an einem Versuch der Aufzählung der Namen, die in Dittloffs Biographie auftauchen. Wobei sich „das traurige Gesamtbild struktureller Ausblendung weiblicher Handlungsspielräume“ nicht nur in Dittloffs (oder meinem) Bücherregal so langsam ändert.

“Jeder Mensch ist ein Knotenpunkt im Netz patriarchaler Struktur“, so Dittloff. Dieses Buch ist Zeugniss einer Auseinandersetzung, die ins Handeln führen soll. Und so ist die aufgebrochene Form dieses Buches selbst schon Statement: So wie es war, bleibt es nicht. Der erste Schritt zur Veränderung ist die Erkenntnis:

„Wenn ich meiner Prägung auf die Schliche kommen will, muss ich akzeptieren, dass ich nicht voll und ganz der Mensch, nicht der Mann bin, der ich gern wäre.“