Anton und Alma

Es ist soviel über diesen Roman geschrieben worden, dass ich dem eigentlich kaum etwas hinzufügen kann. Nur so viel: Anton und Alma, den zweiten Roman der in Berlin lebenden Autorin Dana Vowinckel habe ich verschlungen wie lange kein Buch mehr, ich habe Seite für Seite genossen, habe mit den beiden Hauptfiguren begehrt, geliebt, gezittert, gelitten und – ja – getrauert und hätte gern endlose weitere Kapriolen dieser Liebe in Zeiten der (antisemitischen) Gewalt gelesen; dann haben mich die Ereignisse einem Schlag in die Magengrube gleich in die Realität zurückgeholt, und noch mehr wünschte ich danach, es könnte endlos weitere Kapriolen in dieser Geschichte von Verlangen und Sehnsucht, Zurückweisung und Trost geben... Kurz: Ich liebe dieses Buch.

Dana Vowinckel: Anton und Alma. Suhrkamp 2026
Dana Vowinckel: Anton und Alma. Suhrkamp 2026

Es beginnt bei einem Schüleraustausch in der Bretagne: Anton schenkt Alma einen Yaourt und ein Lächeln. Und Alma? Wusste, "dass sie in seinen Körper einfallen wollte, dass sie jede Sekunde ihres Lebens damit verbringen könnte, in ihn hineinzufallen".

So steht es auf der ersten von über 500 Seiten, und damit ist dieser überwältigenden, auch die Protagonist*innen überwältigenden, Liebesgeschichte die Richtung gegeben. In atemloser Prosa, manchmal Wörter und Satzzeichen verschluckend, in pointierten, witzigen Dialogen, mit einer krassen Körperlichkeit in der Sprache und Zärtlichkeit und Sex und viel Einsamkeit und Ausgeliefertsein gegenüber den Gefühlen verfolgt Vowinckel die Geschichte ihrer beiden Liebenden, wobei sie Kapitel für Kapitel die Perspektive wechselt, was einen Teil des Reizes dieses Romans ausmacht. Die Leser*innen wissen so immer wieder, was der eine denkt, wovon die andere aber nichts weiß, was die eine sagen will und was der andere doch eigentlich längst schon erkannt hat. Nur das Miteinandersprechen, das fällt den beiden in wichtigen Momenten manchmal schwer, und der Streit ist ihr täglicher Begleiter. Ja: So gnadenlos ineinander verliebt Anton und Alma sind, so erbittert und regelmäßig streiten sie, als wäre es ihre Form des Abstandnehmens. Und nicht nur der Streit, auch vieles andere in diesem Buch, ist unendlich witzig und schmerzhaft zugleich.

"'Ich muss nicht gerettet werden', sagte sie, 'ich kann mich selber retten.' 'Ich mich auch', sagte er, doch es war gelogen.

Dabei könnte der Abstand nicht größer sein: Anton entstammt einer jüdisch-amerikanischen Intellektuellen-Familie und ist in Berlin-Schöneberg aufgewachsen; zuhause spricht man eine kosmopolitische Mischung aus Deutsch und Englisch, und Anton selbst wird es, auf der Suche nach einer möglichen Karriere, nach Amerika verschlagen. Zuhause wird gestritten und geschimpft und gegessen und getrunken – ein Familienleben, das Alma nicht kennt. Sie stammt vom östlichen Stadtrand von Berlin, der Vater ist früh gestorben, zum Stiefvater hat sie ein angespanntes Verhältnis, ebenso wie zu ihrer Mutter. Sie sucht ein Zuhause, eine Familie, einen Job findet sie – im Gegensatz zu Anton – recht schnell. Und in Anton sieht Alma schon bald die Liebe ihres Lebens.

Wenn es so einfach wäre, bräuchte Dana Vowinckel nicht über 500 Seiten für diese Geschichte. Wie in einem Film von Woody Allen hat hier jede*r mit den eigenen Dämonen zu kämpfen, mit Depressionen, Ängsten, Unsicherheiten, mit Selbstvorwürfen und Selbstzerfleischung, mit den großen Fragen, die das Leben stellt, mit dem Alltag. Anton sagt, er habe immer gesagt, dass er nicht weiß, "wegen Kindern". Und Alma sagt: "Du hast gesagt, du willst mir alles geben." Anton aber geht nach Amerika, zunächst für ein Auslandssemester, da leben beide nach endlosen Annäherungsversuchen schon zusammen. Später dann für die Promotion: Da schmeißt Alma ihn aus ihrer Wohnung und ihrem Leben. Versucht es zumindest.

Während Anton über die Konversion der Chasaren zum Judentum forscht, beginnt Alma, regelmäßig die Synagoge zu besuchen und sich der Religion ihres Freundes – der seinerseits kein religiöses Interesse hat – anzunähern. Und dann ist da die Zeitgeschichte: Corona kommt und geht (und nimmt nicht nur Almas Großmutter sondern auch den letzten Rest Familienzusammenhalt mit). Der 7. Oktober 2023 markiert eine Zäsur, die im Roman endlos nachhallt. Der erstarkende Antisemitismus, die Polarisierung in der Diskussion über Israel und Palästina – all das zieht tiefe Furchen durch die Liebesgeschichte, an der die Autorin schon vor diesen Ereignissen arbeitete. Eine Liebesgeschichte sollte es werden – und es ist ein Roman geworden, der auf so vielen Ebenen über unsere hektische, streitende, brutale Welt erzählt und die Liebe feiert:

Alles war gut, nur die Welt war schlecht, dachte Anton. Alles war Romanze, nur die Welt war Tragödie."