24.01.2012

Das lässt sich ändern

Es gibt Drinnen, und es gibt Draußen: das erfährt die Ich-Erzählerin aus behütetem Elternhaus auch erst, als sie längst von Zuhause ausgezogen ist. Und dann gibt es noch „janz weit draußen“. Und das ist da, wo dieses Buch spielt...

Man muss nicht lange rätseln, wie die namenlos bleibende Ich-Erzählerin, die Freundin von Adam, heißen wird: Eva natürlich. Das lässt sich ändern hat, wie andere Bücher der Vanderbeke auch, märchen- und traumhafte Züge, aber erst im letzten Drittel wird deutlich, dass diese leichtfüßig daherkommende Liebesgeschichte nicht im Privaten verbleiben wird. Nein, Birgit Vanderbeke legt mit diesem schmalen Bändchen einen ordentlichen Brocken Kultur- und Globalisierungskritik in unsere Hände, der sich nicht scheut, ganz unerschrocken nach den Möglichkeiten eines alternativen Lebens heute zu fragen. Adam und Eva sind nichts anderes als die Hauptdarsteller eines Schöpfungsmythos - erschaffen (oder gerettet) wird nicht weniger als unsere Zukunft.

Was n Wetter, was ne Zeit. Es ist finster weit und breit.

Sage keiner, er hätte es nicht geahnt. Adam glaubt nicht an Sprache, hat aber die ganze Geschichte über Textzeilen von den Ärzten und Ton Steine Scherben auf den Lippen. Adam sagt, „das fing in den Achtzigern an, die Verdummung, Ende der Siebziger haben wir all das gewusst“, doch dann kam:

„das gesamte Einheitsprogramm, und eigentlich verlangte die Welt nichts weiter von einem, als dass man sie runterschluckte, eine Schlaftablette jeden Tag, und dann ziemlich schnell zugedröhnt war und anfing zu vergessen, was man Ende der Siebzigerjahre gewusst hatte...“

Worauf in den 90ern auch nur das Unterhaltungsprogramm, der Spaß, der Kick, das Tittytainment folgten, und seit der Jahrtausendwende, so möchte man dieser Verfallsgeschichte hinzufügen, dann die endgültige Virtualisierung und Relativierung dessen, was in grauen Urzeiten als real, fassbar, greifbar und kritisierbar galt.

Das Merkwürdige, das merkt man während der Lektüre dieser Geschichte: wo die ganze Welt eine einzige Vielzahl von Optionen geworden ist, alles denkbar, machbar und letzten Endes folgenlos - da haben die Träume schmerzhaft an Bedeutung verloren. Hier allerdings sind nun zwei, die nehmen ihre Träume ziemlich ernst, oder, wie Adam, aufgewachsen mit Ton Sterne Scherben, so schön sagt: Das lässt sich ändern

Ich hab nix, und du hast nix, lass uns was draus machen

Vanderbeke beschreibt die Gegenwart, also, sagen wir mal, die letzten zehn / zwanzig Jahre, als eine Zeit, in der immer mehr Menschen raus fallen: aus der Karriere, aus dem Job, aus der Familie, aus all den Positionen, in denen sich noch an so etwas wie Gestaltungsmacht glauben lässt. Nicht nur die Protagonistin, immerhin aus der bürgerlichen Mitte stammend, und ihre Familie treibt es immer weiter raus - nein, da gibt es, das Buch lässt keine Zweifel, eine kaum zu erahnende Dunkelziffer, die die dieses Schicksal teilt.

Janz weit draußen schließlich ist für Adam (und Eva), für Fritzi, Massimo, Anatol und wie sie alle heißen, das kleine Dörfchen Ilmenstett. So wie Moritz von Uslar in Deutschboden die deutsche Provinz als hinterwäldlerisch und - auf naive Art - zurückgeblieben beschreibt, als hilflosen, übereifrigen Versuch, der Geschichte und den Moden hinterherzulaufen, so ist die Provinz in Das lässt sich ändern Zukunftslabor und Vorreiter.

„Das neue Jahrhundert war angebrochen, eine Menge Papier hatte sich als Blüten erwiesen; in der Welt tobte das blanke Desaster, und keiner hatte eine Ahnung, wie man es stoppen könnte, deshalb taten alle, als wäre es einfach nicht da.“
Hinter dieser Liebes- und Ausstiegsgeschichte zeigt sich die Gegenwart als eine Versammlung von immer dringlicher werden Fragen, die nach Antworten verlangen.

Gib mir Fleisch und Blut, gib mir Sinn.

Ilmenstett ist, mit den Ärzten gesprochen, Mysteryland, ein großes Abenteuer, eine völlig unzeitgemäße Landkommune, die Wiederaufnahme des Fadens, der sich Geschichte nennt, Arbeit gegen das Vergessen und an der Gegenwart, Utopie im Alltag, Politik im Privaten. Dafür, dass man sich das Leben nicht von Politik und Medien, Banken und Konzernen aus der Hand nehmen lässt.

Das ist nicht nur berührend und wunderschön zu lesen wie zum Beispiel die Wiederbelebung des alten Bauern Holzapfel, der nach dem Tod seiner Frau nicht wieder auf die Beine gekommen ist. Das ist auch ermunternd und aufrüttelnd. Schon allein, weil man die „großen“ Fragen der Gegenwart ja auch ahnt, aber selten so zu fassen und konkret bekommt wie hier. Dass die „großen“ Fragen eigentlich ganz „klein“ sind, das zu erkennen, ist wohl die Voraussetzung dafür, sie zu anzugehen.

Das lässt sich ändern - konkreter geht es kaum. In einer krisengeschüttelten, aber merkwürdig geschichtslosen Gegenwart ist dieser Satz eigentlich Botschaft genug. Eine Handlungsanweisung ist von der Vanderbeke nicht zu bekommen, ein paar Fragen an das eigene Leben allerdings schon.

„Deine Sehnsucht hat jetzt Sinn, nimm sie mit, du weißt, wohin.“
 


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