Der andere Arthur

Der Literaturprofessor Arthur Opp freundet sich mit einer Studentin an, die aber nur ein Semester lang die Universität besucht. Charlene, so ihr Name, wird den Kontakt nicht abbrechen – es beginnt eine jahrelange Brieffreundschaft, in der beide einander wichtige Dinge verschweigen. Etwa, dass Charlene anfängt zu trinken und bis zu ihrem Tod nicht mehr aufhört, oder dass Arthur aufgrund der kurzen Beziehung seine Stelle verliert und irgendwann nicht mehr aus dem Haus geht.

„Letztlich war es die Einsamkeit, die uns zueinanderführte und miteinander verband.“

Einsamkeit ist das große Thema dieses frühen Romans von Liz Moore; wer wie ich der Autorin mit ihrem Thriller Der Gott des Waldes verfallen war, findet in Der andere Arthur auch eine andere Autorin vor. Während Der Gott des Waldes fast schon panoramahaft die Gegensätze und Spannungen der amerikanischen Gesellschaft ausbreitete, ist der Roman von 2012 eher ein Kammerspiel, das sich zwischen vier Figuren entspinnt, die jede(r) für sich einsam und am Rand der Gesellschaft leben und mit ihrer Scham kämpfen.

Da ist eben Arthur Opp, der mittlerweile 250 Kilogramm wiegt und sein Haus in Brooklyn seit über zehn Jahren nicht mehr verlassen hat. Er schafft es nicht einmal mehr in das Obergeschoss seines Hauses und erträgt die eigene Verwahrlosung nur noch aufgrund seines bescheidenen Wohlstands. Als sich seine Brieffreundin Charlene überraschend ankündigt, engagiert er notgedrungen eine junge Putzhilfe. Yolanda ist für lange Zeit der einzige Mensch, den er in sein Haus (und sein Leben) lässt – als sie schwanger wird, zieht sie gar bei ihm ein.

Und da ist Charlene, die sich in die Verwahrlosung getrunken hat und mehr oder weniger unbemerkt stirbt: Sie nimmt sich das Leben. Zurück bleibt ihr Sohn Kel, der verzweifelt versucht, seine Herkunft und seinen sozialen Status zu verbergen und hinter sich zu lassen; schließlich hat er ein Auge geworfen auf die schöne (und reiche) Lindsay Harper. Während Arthur Opp in seinem Haus sitzt und wartet, verliert Kel sein Zuhause und alle Sicherheit. Er begibt sich auf die Suche nach seinem Vater – und natürlich wird er irgendwann Kontakt zu Opp aufnehmen.

Liz Moore: Der andere Arthur. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz.

Der andere Arthur ist eine feinsinnige, leise Studie über Einsamkeit, Scham und ein Leben am Rand der Gesellschaft. So viel Platz, wie die Figuren hier bekommen, hat in Moore‘s späterem Bestseller niemand. Vielleicht auch, weil Moore in Der Gott des Waldes die Kunst des Weglassens besser beherrschte; für mich las sich Der andere Arthur teilweise doch recht zäh. Moore nimmt sich sehr viel Zeit, um ihren Figuren in ihren zum Teil recht ereignisarmen Leben zu folgen und schenkt ihnen so eine Sichtbarkeit, die viele Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht haben. Gleichzeitig aber ist die Geschichte in ihren Wendungen und Spiegelungen zugleich recht vorhersehbar und wirkt manchmal etwas konstruiert – zumindest die ein oder andere Straffung hätte dem Buch gut getan.