Wer möchte nicht im Leben bleiben?
Kleine Nachlese zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2026
Natürlich bin ich zu spät.. Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist schon wieder Geschichte, wer vom Buchpreis spricht, hat nur noch die verbliebenen Romane der Endauswahl im Kopf, und auch da zeichnet sich jetzt, Ende September, ein baldiges Ende ab. Es kann nur Einen geben... Ich lese lieber langsam und in der Regel wenig buchpreisorientiert – vielleicht habe ich mich in meiner Auswahl deshalb unbewusst für Werke entschieden, die es nicht in die engere Auswahl geschafft haben. Verdient oder nicht, darum soll es hier nicht gehen.
Ich hatte mir von der Longlist die Romane von Helene Bukowski und Lukas Rietzschel ausgewählt; ausgehend von den Gemeinsamkeiten beider Bücher interessieren mich hier nun die unterschiedlichen Wege, die die beiden einschlagen. Schon die Autor*en haben einiges gemeinsam, sind in der ersten Hälfte der 1990er Jahre geboren und damit eigentlich zu jung für ihre Sujets. Beide, Bukowski und Rietzschel, haben einen Teil ihres Lebens in Westdeutschland verbracht, und leben bzw. lebten anschließend wieder in Ostdeutschland, Helene Bukowski in der Nieder-, Lukas Rietzschel in der Oberlausitz. Das mögen amüsante Randnotizen sein, für Thema und Komposition ihrer Romane ist es essentiell: Sie unternehmen auf unterschiedliche Weise Zeitreisen in die ostdeutsche Vergangenheit.
Sanditz
Lukas Rietzschel ist seit seinem Romandebüt Mit der Faust in die Welt schlagen kein Unbekannter mehr und gilt manchem als Erklärer ostdeutscher Zustände. Das ist interessant, denn Sanditz, dieser breit angelegte Gesellschaftsroman, erklärt zunächst gar nichts. Angesiedelt in der fiktiven Stadt Sanditz, die sich teil als das sächsische Görlitz zu erkennen gibt, dann aber erschreckend nah an die Braunkohlentagebaue der ostsächsischen Lausitz heranrückt, verfolgt Rietzschel auf 500 Seiten die Geschichte der Familie Wenzel von den 1970er Jahre bis in die Zeit des Ukraine-Kriegs - oder vielmehr die Geschichten; jede Menge Charaktere bevölkern mit ihren Schicksalen, Eigenheiten, Sehnsüchten, Depressionen, Ängsten, Verlusten, Hoffnungen den Roman; Abstand halten ist dabei des Erzählers Sache nicht, und so sind diese 500 Seiten ein großes, dichtes, von Empathie und Interesse durchtränktes Geschichtenbuch.
Mehrere Generationen kommen in den Blick, und jede hat ihre Kämpfe auszufechten. Da sind die Großeltern: der Orgelbauer Norbert, der regelmäßig in den Westen reisen darf und doch immer wiederkommt, und die Großmutter Erika, die bis in hohe Alter Klavier in der Gemeinde spielt. Da ist die junge Generation: die Lokalreporterin Maria, die in Kassel studiert hat, und nach ihrer Rückkehr versucht, in ihrer Heimat wieder Wurzeln zu schlagen, und Tom, der sich während der Corona-Pandemie weigert, Masken zu tragen, und irgendwann in den Ukraine-Krieg zieht. Ihr Vater Roland arbeitet als Monteur in Frankfurt/M. und hat sein Leben lang keinen Weg gefunden, mit der eigenen Homosexualität umzugehen. Man könnte diese Geschichten ewig fortsetzen, und so hat Rietzschel seinen Figuren eine eigene Website spendiert, auf der sich die Welt seines Romans entdecken lässt: www.sanditz.de.
Vom Rückzugsraum christlicher Gemeinden in der DDR bis zum großen Krieg der Gegenwart, vom Nachwenderausch westdeutscher Zugezogener bis zur brutalen Ausländerfeindlichkeit der 1990er Jahre: Alles hallt in den Geschichten dieses immer wieder überraschenden, fesselnden Romans wieder. Ohne vordergründig zu erklären oder zu urteilen, erzählt Lukas Rietzschel von Unsicherheiten, Verwerfungen, dem immer wieder neuen Versuch, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, und der ebenso allgegenwärtigen Gefahr des Scheiterns in einem Landstrich, der Stabilität und Sicherheit immer nur als Zukunftshoffnung oder längst Vergangenes kannte.
"Hier wartet niemand auf Sie, nicht einmal die Zukunft."
Wer möchte nicht im Leben bleiben?
Während man sich bei Lukas Rietzschel fragt, wie der 1994 geborene Autor so unmittelbar aus einer Zeit erzählen kann, die er nicht erlebt hat, erledigt sich bei Helene Bukowski (Jahrgang 1993) diese Frage von selbst: Die Geschichte der 1961 geborenen Pianistin Christine erzählt Bukowski anhand von immer wieder zitierten und befragten Zeitdokumenten, wobei sie ihre eigenen Fragen, Kommentare und Überlegungen nutzt, um die Lücken zu füllen und zwischen den Zeilen des ihr überreichten Nachlasses zu lesen. Nachlass, korrekt: Christina hat sich 1984 durch einen Sturz aus dem Fenster das Leben genommen. Wobei auch das der Erzählerin nicht ganz sicher scheint.
In Wer möchte nicht im Leben bleiben ist also nicht die Unmittelbarkeit der Fiktion das Ziel, sondern die Verfremdung der überlieferten Erzählungen durch den Dialog mit der Gegenwart. Das ist ein interessanter Zugang zum Erzählen über vergangene Zeiten, bringt er doch die Position des heute Lebenden ein, bricht die Illusion auf, wir wüssten, wie es früher war. Dadurch erhält die Gegenwart jedoch manchmal etwas zu viel Gewicht und der Text einen konzeptionellen Überbau, was der zu erzählenden Geschichte nicht immer dienlich ist. Ehrlich ist es allemal.
"Deinen Namen habe ich das erste Mal in Neubrandenburg gehört. Am Telefon hatte mich meine Großmutter gebeten, eine Bekannte von ihr zu treffen. Siglinde habe vor Kurzen einem Nachlass sortiert und sei dort auf ein Leben gestoßen, das erzählt werden müsse."
Der Name der konsequent mit "du" angesprochenen Hauptfigur ist Christina. Geboren in Leipzig, aufgewachsen in Neubrandenburg, absolviert Christina eine geradlinig anmutenden Ausbildung zu Pianistin. Ihr Vater, der es nur bis zum Musiklehrer in Neubrandenburg geschafft hat, scheint in ihr verwirklichen zu wollen, was ihm selber verwehrt blieb. Er dokumentiert das Leben seiner Tochter in einer pedantisch geführten Chronik: "Diese Chronik ist mein Geländer," heißt es nun,
"aber immer wieder ertappe ich mich dabei, wie widerwillig ich dem von deinem Vater gefertigten Handlauf folge."
Zusammen mit der Erzählerin folgen wir dem Lebenslauf eines Kindes, das von früh an Leistung, Disziplin und Einsamkeit gewöhnt wird. Von Neubrandenburg geht es an die Spezialschule für Musik in Berlin, wo im Zusammensein mit gleichaltrigen Freundinnen kurz ein glücklicher Ausgang möglich scheint, und dann weiter nach Moskau, wo Christina in der Meisterklasse ungeahnte Zugänge zur Musik erlebt aber auch mit Einsamkeit und Depression zu kämpfen hat, von der Erzählerin aus heutiger Sicht als prämenstruelle dysphorische Störung diagnostiziert.
"Wie wäre es mal mit ein bisschen Wut?", sage ich.
Eine Frage, auf die Christina nicht mehr antworten kann. "Sie haben dir deinen Klang nehmen wollen", erklärt sich der Vater den Selbstmord seiner Tochter. Liest man sich durch diese dokumentarische Schilderung eines zu kurzen Lebens, ist man sich da nicht so sicher. Helene Bukowski liefert nicht die eine Erklärung. Sie erzählt von einer beklemmenden, kinderunfreundlichen Welt, von einem menschenfeindlichen System, von der Enge einer Familie ebenso wie von einem Musikgeschäft, das auf Selbstausbeutung und Konkurrenz setzt. Die DDR ist da, ebenso wie bei Lukas Rietzschel, nur ein Thema unter anderen.