Die Villa am Meer

Die Villa am Meer: ein großes Haus, direkt am Wasser erbaut, mit Speisesaal, fast einem Dutzend Schlafzimmern, Bibliothek, Dienstbotenzimmern, Krankenzimmer, das schon bessere, lebendigere und vor allem sorglosere Tage gesehen hat, wie die Ich-Erzählerin Marcia nur ungern zugibt. In diesem Sommer scheint es gar zu spuken! Aber das ist das kleinere Übel…

Als „Morde von Rock Island“ werden die Verbrechen in der Presse bezeichnet, die der Sommergesellschaft, die sich hier wie jedes Jahr einfindet, Rätsel aufgeben. Zunächst wird Marcias ehemalige Schwägerin Juliette brutal ermordet, und der Verdacht fällt bald auf Arthur, Marcias Bruder. Juliette war nie ganz akzeptiert in der Familie, stammt sie doch aus einer niedrigeren sozialen Schicht – und hat sie eine durchaus zwielichtige Vergangenheit, deren tiefste Geheimnisse erst im Laufe dieser Chronik ans Licht kommen. Einer Chronik, die von zwei weiteren Verbrechen berichten wird.

Mary Roberts Rinehart: Die Villa am Meer. Übersetzt von Eva Sobottka. Oktopus 2025

Mary Robert Rineharts, geboren 1876, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Reihe von Romanen so erfolgreich, dass sie sehr genau weiß, wovon sie in ihrem 1938 erschienen Roman schreibt. Sie lebte zeitweise selbst in einem Haus am Meer und kannte das luxuriöse Leben der höheren Gesellschaftsschichten aus eigener Erfahrung. Die Villa am Meer spielt jedoch vor dem Hintergrund der großen Krisen der 1920er und 1930er Jahre und dem Verlust der Sorglosigkeit:

„Wie weit hatten wir uns doch von den alten Zeiten entfernt, jenen Zeiten lange vor Juliette, als Arthur die Treppen rauf- und runterrannte, während ich ihm folgte wie ein kleiner Satellit, und Vater und Mutter ihre friedlichen sommerlichen Gewohnheiten pflegten. … Es gab keinen Pomp, dafür aber jede Menge feiner Lebensart. Das mag langweilig gewesen sein, doch wenigstens war es sicher.“

Rineharts lässt ihre Chronistin mit z.T. enervierender Genauigkeit erzählen. Und so werden wir Zeugen, wie das Bild der Sommergesellschaft mit ihren Parties, den Stunden auf dem Golfplatz, den ausgesuchten Kleidern der Frauen ganz langsam Risse bekommt. Es ist, als ob die Wirklichkeit jenseits der Insel unaufhaltsam in diese Kulisse eindringt. Wer ist etwa der ominöse Fremde, der in einem Caravan lebt und in den sich Marcia unaufhaltsam verliebt?

Marcia besucht ihn eines Tages – kurz bevor auch er verschwindet – auf dem Zeltplatz, auf dem er den Sommer verbringt: Freundlich findet sie es dort, aber auch, wie sie schreibt, „merkwürdig“: „Hier tobte das Familienleben, öffentlich und ohne Scham… Früher war das hier ein Picknickplatz gewesen mit einer köstlichen, ummauerten Wasserquelle, und ich kannte ihn gut.“

Es ist der Verlust des Vertrauten und scheinbar Selbstverständlichen, der hier den Verlust jeglichen Vertrauens mit sich bringt. Scheinbar jeder wird verdächtigt, und in den zwischenmenschlichen Beziehungen, so oberflächlich sie vor diesem Sommer waren, öffnen sich tiefe Gräben. So weist diese Chronik aus der Welt der ehemals Reichen weit über sich hinaus und vermittelt ein Bild von einer Welt, die zutiefst erschüttert wird. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich die Wiederentdeckung dieses Kriminalromans lohnt. Ein anderer ist das Erzähltempo, das in seiner Ausführlichkeit und Langsamkeit zunächst eine Zumutung darstellt – für den, der sich darauf einlässt, aber eine ungeheure Sogwirkung entfaltet.