29.04.2019

Dylan. Christ?

Ende der 1970er Jahre irritiert Bob Dylan Fans und Kritiker mit christlich inspirierter Musik und von Predigten durchzogenen Konzerten. Nur ein weiterer Rollenwechsel des Sängers, eine im Verhältnis zum Gesamtwerk doch recht kurze und daher zu vernachlässigende Phase? Oder ist da mehr? Bob Dylan und das Christentum - drei Versuche einer Annäherung.

I find the religiosity and philosophy in the music. The songs are my lexicon and my prayer book. I believe the songs.

Bob Dylan

Clinton Heylin: Dylan. Gospel

Am Ende des 400 Seiten starken Buches von Clinton Heylin gehen einem leider nur die klassischen Zeilen Bob Dylans durch den Kopf: It ain't me baby, scheint er zu sagen, I'm not there. But: Don't think twice, it's allright.

400 Seiten voller Interviews, Konzertrezensionen, minutiöser Berichte von den Studio-Sessions aus Dylans "Gospel-Phase": Man erfährt, wie Dylans Eigenwille die Studiosessions und die Proben vor den Konzerten dominierte, wie er Fans vor den Kopf stieß, weil er auf den Konzerten spielte, was er wollte – nicht, was man von ihm erwartete. Wie er von großartigen Songs schlechte Takes aufnahm und veröffentlichte. All das geht der Musikjournalist Heylin anhand endloser Materialberge mit einer Pedanterie durch, die die Geduld des Lesers maximal auf die Probe stellt. Dabei nervt zuweilen der betont coole, überhebliche Gestus des Schreibens. Vor allem aber kann Heylin mit den sich immer wieder wiederholenden Schilderungen aus den Jahren 1978 - 81 die wichtigen Fragen nicht beantworten (er versucht es auch gar nicht):

  • Warum entdeckte Bob Dylan Ende der 1970er Jahre das Christentum für sich, nahm nicht nur christliche Platten auf, sondern war mehre Jahre – und gegen die Erwartungen von Fans wie Kritikern – nicht nur auf Gospel- sondern auch enorm redseliger Missions-Tour?
  • Was verbindet diese Phase mit der Zeit davor und der danach?
  • Wie genau sah der christliche Glaube des Sängers eigentlich aus?
  • Was lässt sich z.B. anhand der Songtexte herausfinden?

All das könnte man von einer Abhandlung über eine der umstrittensten Phasen in der Biographie des sich ewig neu erfindenden Bob Dylan erwarten. Heylin aber, der mit Behind The Shades eine umfangreiche und sehr geschätzte Dylan-Biographie vorgelegt hat, fügt in Dylan.Gospel Quelle an Quelle, Zitat an Zitat, was ohne jegliche Einordnung und Quellenkritik nur schwer zu ertragen ist (abgesehen von der mäßig überzeugenden deutschen Übersetzung). Der Interpretation enthält er sich wohlweislich, Anspielungen auf "Interna" hingegen gibt es im Buch zuhauf, die zu entschlüsseln sich Heylin wiederum keine Mühe gibt. Lieber gibt er den Insider, der empörte Fans auch schon mal als "Ungläubige" tituliert.

Schade. Das Buch erschien anlässlich der Ausgabe 13 der Bootleg Series, die unter dem Titel Trouble No More wirklich tolle Live-Aufnahmen aus dieser Zeit versammelt. Inklusive einem umfangreichen Booklet mit Liner-Notes, die ein vielleicht nicht so vollständiges, aber dafür umso plastischeres Bild des christlich inspirierten Bob Dylan vermitteln. Die Musik selbst ist vermutlich am besten geeignet, die Frage zu beantworten, warum das alle heute noch interessant sein könnte.

Heinrich Detering: Bob Dylan

Fündiger wird man bei dem Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der in seiner 2016 neu erschienen Monographie über Dylan den regelmäßigen Neuerfindungen und Identitätswechseln und deren "Ambivalenz zwischen Identitätspathos und Rollenspiel" folgt. Den Blick über den Tellerrand in die Zeit vor und nach der Gospelphase vermisst man bei Heylin:

Namentlich die religiöse Imprägnierung von Dylans Songwelt, die bei allen Glaubenswandlungen auffallend konstant bleibt, verdankt sich in erster Linie derjenigen des American Songbook selbst ... Gleich nach diesen Song-Traditionen, aber erst dann, kommt die Bibel – deren Gestalten darum hier nicht selten in Kostümierungen des Western, des Delta Blues, der Folksongs erscheinen. ... Wenn Dylan sich während seiner Konversionszeit (1979/80) intensiv dem Bibelstudium widmet, trifft er im Grunde auf lauter alte Bekannte.

Auf wenigen Seiten skizziert Detering die relevanten Fakten, die im Materialwust Heylins nahezu unterzugehen drohen: von dem Erweckungserlebnis, das Dylan nach einem Konzert in San Diego gehabt haben soll, über das Bibelstudium im evangelikalen Vineyard Fellowship, bis hin zum missionarischen Eifer, mit dem Dylan in diesen Jahren im Studio und auf den Konzertbühnen ans Werk geht:

Wieder ist die reinvention restlos, wieder setzt Dylan seine Karriere, seine Kunst, seine Identität entschlossen aufs Spiel, diesmal jedoch nach dem Schema der pietistischen Bekehrung aus Sündenerkenntnis, Bekenntnis, Reue, Umkehr und Wiedergeburt.

Was erstaunlich ist: Indem Detering nicht der positivistisch anmutenden Illusion verfällt, im Wortlaut der Zeitzeugen dem Geheimnis der Kunst auf die Spur kommen und sich das Innenleben des Künstlers erschließen zu können, kommt er auf nur wenigen Seiten zu wesentlich differenzierteren Beschreibungen der Konzerte und der Alben. Ihm gelingt es, nicht trotz sondern wegen seines Abstands, diese Entwicklungsphase des späteren Nobelpreisträgers gebührend zu würdigen. Eine Einladung, selbst in den Texten und der Musik dieser Jahre auf Entdeckungsreise zu gehen. The answer my friend is blowin' in the wind...

Thomas Quartier: Heilige Wut

Ein dritter Versuch der Annäherung, aus ganz anderer Perspektive: In seinem Buch Heilige Wut fragt sich der Mönch Thomas Quartier, was ihn aus christlicher, mönchischer Perspektive an Dylan fasziniert - er beschreibt die Resonanz, die Dylans Konzerte und Songs bei ihm, dem Mönch, auslösen. Vielleicht kommt er auf diesem subjektiv-essayistischen Weg der Frage am nächsten, welche Rolle christliche Motive bei Bob Dylan spielen. Denn ihn interessiert weniger, was das für Dylan selbst bedeuten mag, mehr: was es für ihn selbst, den Hörer Dylans, bedeuten kann. Was sich daraus für die eigene Wahrnehmung, das eigene Denken und Sein gewinnen läasst.

Quartier spannt den Bogen von den "heiligen Outlaws" in Dylans Songs bis hin zum unermüdlichen Unterwegssein – quer durch alle Schaffensphasen des Sängers. Er findet ein "buntes Kaleidoskop von Sichtweisen, Inspirationen und (...) Desillusionierungen":

Der konstante Faktor auf seiner Pilgerreise ist das "Suchen nach Gott", und zwar als permanenter Zustand. Diese ausdrücklich religiöse Seite des Sängers erschließt eine Bedeutungsdimension in seinem Liedrepertoire, die wiederum klösterliche Assoziationen zulässt. Denn Gott ist nah und doch so fern, anwesend und abwesend, allvertraut und doch ganz anders.

Dylan, Diener seiner eigenen Songs und einer ganzen Liedtradition, bleibt ein Fremder, der sich nicht vereinnahmen, nicht festlegen lässt, Inbegriff von Inspiration und Irritation gleichermaßen. Auf die neverending tour folgt so eine neverending story im Kopf des Hörers.

Am Ende seiner "christlichen Phase" kehrt Dylan zu seinen alten Songs zurück. Heute hingegen spielt er gegen Ende seiner Konzerte wieder "Gotta Serve Somebody".

Thomas Quartier: Heilige Wut. Mönch sein heißt radikal sein. Herder Verlag 2018
Heinrich Detering: Bob Dylan. Reclam Verlag 2016
Clinton Heylin: Die rauhen Töne der wahren Geschichte. Fontis Verlag 2016


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