25.01.2014

Der bleiche König

"Der bleiche König ist im Grunde eine nicht fiktionale Autobiografie mit Einsprengseln aus rekonstruktivem Journalismus, Organisationspsychologie, elementare Staatsbürgerkunde, Steuertheorie usw.",

weiß der "reale Autor" im Bleichen König. Klar ist vor allem eins: bei dem Buch Der bleiche König handelt es sich um den Rumpf eines Romanes, um ein Fragment, das vor lauter Akribie dem Wort Fragment noch zu spotten scheint. Der "wirklich reale Autor", David Foster Wallace, hinterließ dieses umfangreiche Textkonvolut, als er sich 2008 das Leben nahm: eine Sammlung von Anfängen, Geschichtensplittern, Gesprächen, wie von einem Tornado um ein Steuerprüfzentrum in Peoria, Illinois, verstreut, Ergebnis von Arbeitswut und bis zur Verzweiflung treibender Empathie.

Der bleiche König als Essay

Der bleiche König ist in Deutschland auch Anlass zu einem Social-Reading-Experiment geworden - wobei Social Reading entweder immer noch seiner Zeit voraus zu sein scheint oder sich eben doch nicht alles dazu eignet, socialized zu werden. Dort jedenfalls findet sich unter dem Titel Der bleiche König als Essay ein Vorschlag zu einer gewinnbringenden Lesart des Romans: als einer "Ansammlung von novellenhaften Fußnoten zu einem großartigen Essay".
"Das Steuersystem als ausgelagertes Gewissen einer postreligiösen Gesellschaft, die die Moral wie ein Profit-Center auslagert an eine Behörde. Und diesen Sachverhalt geschickt kaschiert durch eine der wirkungsvollsten PR-Strategien der Neuzeit: Nicht Storytelling, Drama, Charisma als Propagandamethode. Sondern das genaue Gegenteil: schmerzhaft langweilige Details zum Kaschieren eines zentralen Geheimnisses."

Interesse: Zwischen-Räume

Ob Wallace seine übersteigerte Fähigkeit zur Empathie in die Verzweiflung getrieben hat, von der letztlich auch die große Rede Das hier ist Wasser zeugt?

Übermäßiges (über die Maßen) Verständnis für und Einfühlung in die Mitmenschen zieht sich jedenfalls auch durch dieses Werk - man mag es auch einfach Interesse nennen, das im Falle von Wallace unter Umständen in übersteigertem Maße daherkommt und dem Anderen bis ins kleinste Detail seiner Existenz folgt. Nichts ist nebensächlich. Nichts.

Dieses Interesse selbst ist Thema des Bleichen Königs: Wallace untersucht anhand des Steuersystems der USA, verkörpert durch die Institution des Steuerprüfzentrums, wie sich zwischen Individuen Beziehungen entwickeln, wie unabhängig von den Beteiligten Zwischenräume entstehen, Organismen und Körperschaften, Gemeinschaften und Systeme - und wie wiederum das Individuum sich von diesen kollektiven Errungenschaften entfremdet.

Nicht fern der Gedanke an Hobbes' Leviathan: der Staatskörper aus Untertanen. Die Steuerzahlung des Bürgers als geldgewordene Teilhabe - die mithin, und da fängt das Problem an, nur noch symbolisch / abstrakt erfahrbar ist. In dem Augenblick, wo eine Gemeinschaft auf symbolischen Formen (wie dem Geld) basiert, wächst zwar die durch sie ermöglichte Freiheit - ihre Existenz und die mit ihr einhergehenden Verbindungen sind allerdings nur noch höchst mittelbar zu erfahren.

Steuern zahlen als Errungenschaft?

Eingeschlossen in einen steckengebliebenen Fahrstuhl, philosophieren leitende Angestellte des IRS bei Wallace in §19 über die "interessanten Zusammenhänge zwischen Bürgersinn und Egoismus":

"Unsere Verantwortung als Bürger treten wir an den Staat ab und erwarten letztlich, dass der Staat die Moral in Rechtsform bringt."

Das Paradoxe sei, dass wir den Staat so hassen, "weil er anscheinend genau die Staatsbürgerfunktionen an sich reißt, die wir ihm übertragen haben." Man ist nur sich selbst verpflichtet und hält sich gleichsam selbst nicht für verantwortlich.

Nicht nur aus Sicht eines Beamten der Steuerprüfung leuchtet das am Beispiel der Steuern durchaus ein. Wer zahlt schon bereitwillig Steuern an einen Staat, dem man in aller Regel doch eher kritisch und skeptisch, nur sich selbst verpflichtet, gegenübersteht? Man glaubt ja doch nicht, dass mit dem Geld, das einem da "aus dem Portemonnaie" gezogen wird, etwas Rechtes geschieht. Die Politiker lügen sich in die eigene Tasche und sind in der heutigen Erregungsgesellschaft (Peter Sloterdijk) im Grunde nur noch eins: verdächtig.

So ist es nur eine der zahlreichen Erkenntnisse dieses höchst lesenswerten Diskurses irgendwo zwischen Tarantino und Pollesch,

"dass es in der Natur eines demokratischen Bürgers liegt, ein Blatt zu sein, das nicht an den Baum glaubt, an dem es hängt."

Eine andere lautet:

"Ich sage ja nicht, es ist ihre Pflicht, Steuern zu zahlen. Ich sage nur, es hat keinen Sinn, keine zu zahlen. ... Ich verstehe, dass sich Steuerzahler nicht von ihrem Geld trennen wollen. Das liegt in der Natur des Menschen. ... Sie sitzen mit anderen Menschen in einem Rettungsboot und es gibt nicht genug Lebensmittel, und die müssen geteilt werden. Sie reichen nicht, aber alle müssen was abbekommen, und alle haben großen Hunger. Sie wollen natürlich das ganze Essen für sich; Sie sind am Verhungern. Aber allen anderen geht es genauso. Wenn Sie alle Lebensmittel aufessen würden, könnten Sie sich im Spiegel hinterher nicht mehr in die Augen schauen."

Für Emmanuel Levinas war das menschliche Sein (esse) ein inter esse - ein Zwischensein. Existenz geschieht im Angesicht des Anderen, Jean-Luc Nancy spricht von der Gemeinschaft, die sich in der (Mit-)Teilung realisiert. David Foster Wallace diskutiert am Beispiel der amerikanischen Steuerprüfbehörde nichts anderes als die Bedingungen der Möglichkeiten menschlichen (Über-) Lebens.


Verwandte Beiträge