03.02.2014

Im leeren Raum

Ich fange gern Notizbücher an. Oder Weblogs. Ich mag das weiße Papier, den leeren Raum, den Stapel leerer Seiten. Allein die Idee, dass man all das füllen kann mit Worten, mit einer eigenen Art von Wirklichkeit!

Wolfgang Herrndorf hat irgendwann einen Großteil seiner Notizbücher und Skizzen vernichtet.

Bücher, in die ich mir Notizen gemacht hab, in der Badewanne eingeweicht und zerrissen. Nietzsche, Schopenhauer, Adorno. 31 Jahre Briefe, 28 Jahre Tagebücher. An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter.

Nicht nur schreibt er das wiederum auf; er schreibt weiter, wie irre, nicht für die bekloppte Nachwelt, sondern für dieses Eine, das einzige, was ihm bleibt: die Gegenwart.

Er schreibt sich immer näher ran an den einen, totalen Augenblick.

Dieser Arbeitswahn, diese völlige Hingabe, die Arbeit und Struktur so berauschend, beeindruckend, so tatsächlich einzigartig machen, hat im Kern zu tun mit der Einsicht, die sich wie ein roter Faden durch die letzten Lebensjahre Herrndorfs zieht:

dass dieses Universum nicht existiert. Oder nur in diesem Bruchteil dieser Sekunde.

Der Sinn des Schreibens liegt letztlich, wie bei jeder Handlung, im Tun selbst; im Augenblick, in dem sich zwischen der Welt und mir ein Zusammenhang herstellt. Ich tue nichts für einen irgendwie abtrennbaren Zweck, für eine Wahrheit, die drüben an der Ecke steht und wartet, bis ich es mal zu ihr rüber schaffe - ich bin am Machen, weil ich mich im Tun vergebe und erhalte.

Schöne Metapher: das Leben als ein Wandern im Nebel. Wir kommen nicht raus, ein Draußen gibt es eh nur in unserem Kopf. Während des Wanderns werden wir langsam nass, der Nebel dringt durch die Kleider. Buchstaben auf dem Papier.


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