13.02.2020

Umkämpfte Zone

Februar '20. Während ausgehend vom Thüringer Landtag die Gewissheiten der bundesdeutschen Demokratie in Frage gestellt scheinen, während der Osten von Rissen durchzogen wird, die zahlreicher und breiter werden und langsam aber sicher auch den Rest der Republik in Mitleidenschaft ziehen, während in den Talkshows in aller Regel westdeutsche Politiker über die ostdeutsche Bevölkerung und ihr Wahlverhalten sprechen, während die Demokratie in demselben Tempo den Bach runterzugehen scheint wie das Klima (nur dass hier keine Naturgesetze die Dynamik vorgeben) – in diesen stürmischen Februartagen lese ich dieses Buch. Nein, auch Ines Geipel vermag das aktuelle Geschehen nicht befriedigend zu erklären (wer vermag das schon?), und der lange Bogen, den sie vom 2. Weltkrieg und seinen Kriegskindern bis hin zur Nachwendezeit, dem NSU und der AFD schlägt, ist mutig, abenteuerlich, riskant; ihre Schilderung von Ostdeutschland als Umkämpfte Zone jedoch ist bestürzend aktuell. Ihr Buch schmerzt mit seiner Intensität, seiner Kompromisslosigkeit und den Fragen, die es stellt.

Dezember '17. Robby, der Bruder der Erzählerin, liegt mit einem Hirntumor in einem Dresdner Krankenhaus. Den Geschwistern bleiben, nach Jahren des Schweigens, nur wenige Wochen. Im Januar stirbt Robby und hinterlässt der Erzählerin nicht weniger als den Auftrag, in der eigenen Familiengeschichte nach dem Verschwiegenen, Verdeckten, Unerledigten zu forschen. Ihr so entstandenes Buch über den Bruder, den Osten und den Hass kontrastiert Erinnerungen an die zusammen verbrachte Kindheit, an den gemeinsamen, später dann die getrennten Wege mit der ostdeutschen Geschichte, mit nationalsozialistischen Tätern, aus dem Exil zurückkehrenden Kommunisten, Stasi-Spitzeln und Bürgerrechtlern. Geipel sucht Verbindungen, Zusammenhänge, liest die Stasi-Akte des Vaters, spricht mit Zeitzeugen und Wissenschaftlern, befragt immer wieder sich und den gestorbenen Bruder.

Erinnern und Vergessen. Bilder und Fakten. Gerüche, Gefühle, Ahnungen. Schmerzen. Glück. Das Politische und das Private gehen in der Erzählung von Ines Geipel eine erhellende Verbindung ein. Die Standseilbahn zum Dresdner Weißen Hirsch, zu sehen auf dem Umschlag des Buches, ist ihr dank einer Kindheitserinnerung der passende Ausdruck dafür:

Als ob sich Historie und Intimes wie die beiden Gondeln am Elbhang gegenseitig ziehen und versuchen, sich darüber kenntlicher zu machen. Sie bedingen sich, sie sind abhängig voneinander. Es braucht diese Auf- und Abfahrten, auch weil die Familie Privates und Geschichte so strikt voneinander getrennt hält.

Im Prinzip beschreibt sie mit diesem Bild ein Grundproblem der ostdeutschen Gesellschaft: die strikte Trennung von Öffentlichkeit und Privatleben fördert blinde Flecken, schützt das Verdrängte und Versteckte, verhindert die Aussprache.

All das Ungeklärte, Weggedrückte, von Generation zu Generation Weitergetragene

ist das eigentliche Thema ihrer Geschichte Ostdeutschlands, die das Subjektive, Autobiographische in einem beispiellos dichten Essay mit Literatur und Wissenschaft verknüpft. Lebendiger lässt sich Geschichte nicht erzählen, weil Geipel keinen Moment den Zweifel daran lässt: Was wir heute aus der Distanz als Geschichte beschreiben, war, irgendwann, bedrückende, sinnlich erfahrbare Lebensrealität. Die Straßen auf dem Weißen Hirsch, die leerstehenden, von Flüchtigen zurückgelassenen Villen, der alltägliche Mief und der matt schimmernde Glanz der Kindheitstage – all das macht Ines Geipel greifbar, erlebbar.

Anfang der '90er. Die DDR ist Geschichte, die Landschaft rund um Hoyerswerda ist zwar nicht gerade aufgeblüht, aber zumindest definiert eine bunte Einkaufspassage das neue Zentrum meiner Heimatstadt. Die Zukunft hält Einzug, während die Vergangenheit wegbricht. Rund um die neu entstandene Einkaufsmeile implodiert die Stadt; in Zeitlupe bricht zusammen, was nur wenige Jahre zuvor in Windeseile in den Lausitzer Sand gesetzt worden war. Auch meine Identität steht zur Disposition: Thälmann, Buchenwald, die deutsch-sowjetische Freundschaft, der Antifaschismus – damit bin ich aufgewachsen, das sind die Eckpunkte meines Koordinatensystems, unhinterfragte, unhinterfragbare Selbstverständlichkeiten. Nackt unter Wölfen, das Buch des einstigen Buchenwald-Häftlings Bruno Apitz, habe ich mit gerade mal zwölf Jahren schon zweimal gelesen. Freiwillig. Ich werde Jahre brauchen, um zu begreifen, dass ich einem Irrtum, einer Lüge, aufgesessen war.

Weil ich (Jahrgang 78) in meinem Alter dieser Lüge recht wehrlos ausgeliefert war, hätte ich mich später eigentlich umso einfacher davon befreien können sollen. Umso mehr schmerzt es, dass ich erst jetzt, bei der Lektüre dieses Buches, 30 Jahre nach dem Ende der DDR, mit Wahrheiten konfrontiert werde, die ich längst hätte wissen können. Wissen sollen? Ines Geipels Schilderung des für die DDR grundlegenden Buchenwald-Mythos führt mir die eigenen blinden Flecken vor Augen, die bis heute noch wirken. Buchenwald – das ist das Thema auch meiner Kindheit; die mittlerweile erwiesene Geschichtsfälschung als Grundlegung für den "ersten antifaschistischen Staat auf deutschem Boden" anzuerkennen, macht mir auch heute noch zu schaffen.

Ob der Mythos von der emanzipierten Ost-Frau oder die ostdeutschen Indianer-Filme als entpolitisierte Reinszenierung des Buchenwald-Mythos, ob unter den Teppich gekehrter Antisemitismus oder die offiziell nicht existierenden Rechtsradikalen – Ines Geipel macht um keine heilige Kuh des ostdeutschen Selbstverständnisses einen Bogen. Sie sucht nach den Spuren von Angst, nach den versteckten Ecken für die heimlichen Schuldgefühle, nach den Orten des Schweigens. Sie beschreibt, wie spätestens mit Angela Merkels Flüchtlingspolitik 2015 Freundeskreise und Familien zerreißen:

Als klar wurde, dass es bei Lichte besehen nicht um Flüchtlinge ging, sondern darum, wer wir sind, was wir im Hier und Jetzt wollen, was wir tatsächlich leben, was uns letztlich wirklich wichtig ist, haben wir angefangen zu schweigen.

Die Geschichte, die Ines Geipel in Umkämpfte Zone verfolgt, ist noch lange nicht zu Ende. Das wird einem in diesem Winter wieder einmal klar. Und klar wird auch, dass es nur eine Möglichkeit gibt: Wir müssen reden. Wir müssen reden.

Der Osten braucht einen guten, inneren Ort, er braucht ein eigenes Narrativ, er braucht die öffentliche Anerkennung seiner langen Schmerzgeschichte, er braucht Differenzierung, und seine Erfahrungen müssen nach draußen, in den politischen Raum, in die Bildung, vor allem aber an den Familientisch.

Nicht zu vergessen: Robby, Ines Geipels Bruder. Das Buch ist bei aller Rat- und Fassungslosigkeit denn auch eine Liebeserklärung, ein Festhalten von Erinnerungen, die durchs Leben tragen, von Gesprächen, wie sie vielleicht nur Geschwister kennen. "Zu zweit ist es besser," sagt Robby als Jugendlicher irgendwann zu seiner großen Schwester. Ich will daran denken.

Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Klett-Cotta 2019