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Die Weisheit der Psalmen

Es sind helle, tiefe Momente, an die ich mich voller Dankbarkeit erinnere: Momente, in denen ich – um mit Richard Rohr zu sprechen – ganz da war, gehalten, gesehen, erkannt. Erkenntnismomente, die das Leben „verrücken“: Etwas ist anders danach. Und bleibt es.

So erinnere ich mich an den Sommer 2023, als auf dem Worthaus Sommercamp im Kloster Volkenroda ein Gospel-Chor unter Leitung von Tom Dillenhöfer (Gospel im Osten) probte: Wir sangen Amazing Grace, und ich weinte und lachte und fühlte mich befreit im Singen. In diesem Moment verstand ich etwas von dem, was wir „Gott“ nennen, und was eigentlich eine Beziehung ist. Eine Beziehung, die ich seitdem nie wieder verloren habe.

Illustration von Andreas Felger (©️bene! Verlag)

Die Psalmen sind dabei für die Beziehungspflege eine wichtige Zutat. Das legte mir zuvor schon Jürgen Sammet nahe, dessen Gedanken eines Hobbymönchs meine Spiritualität in eine alltagstaugliche Praxis verwandelten, die von Gelassenheit, Vertrauen und Regelmäßigkeit geprägt ist. Zugegeben: zu den über den Tag verteilten Tagzeitengebeten schaffe ich es auch drei Jahre später noch nicht. Aber der Psalter ist mir ein steter Begleiter, so wie das – mir zuvor oft fremd anmutende – Gebet eine immer verfügbare Möglichkeit des Innehaltens, des ganz da Seins geworden ist.

“Wer sich auf die Psalmen einlässt, dem werden sie auf eine besondere Weise zum inneren Therapeuten. Sie werden zu heilsamen Kräften, zu Freunden und zu Lehrern des inneren Lebens“,

schreibt Martin Schleske zu Beginn seines Buches über die Weisheit der Psalmen. Darin finden sich eine Auswahl der biblischen Psalmen in der Lutherübersetzung und jeweils im Anschluss eine Meditation über einzelne Zeilen des jeweiligen Psalms. So lädt der Geigenbaumeister ein, die Psalmen neu zu entdecken und „wie Medizin“ zu uns zu nehmen: in kleinen Dosen, als Worte, die unser Innerstes erreichen. Sie wollen, so Schleske, „der angeschlagenen, suchenden, verletzten, liebenden, erschütterten, lebendigen Seele ein heilsames Gegenüber sein.“

Ein Gegenüber: Schleske geht es darum, in Dialog zu treten mit den jahrtausendealten Texten. Dabei werfen seine kurzen „Andachten“ neue, sehr persönliche Perspektiven auf die Psalmverse. Nicht jede passt vielleicht gerade zum eigenen Leben – aber in der Regelmäßigkeit liegt auch hier die Kraft. Jeden Morgen einen Psalm und eine Seite aus diesem Buch zu lesen und zu meditieren, sorgt immer wieder für Momente, die tragen: durch den Tag und über ihn hinaus.

Der Satz der Psalmen als Fließtext ist indes etwas gewöhnungsbedürftig und kommt dem achtsamen Lesen nicht gerade entgegen. Ins Gespräch aber treten Martin Schleskes Texte mit den Illustration von Andreas Felger, die dem Band nicht nur optisch einen würdigen Rahmen bieten sondern selbst zur Meditation einladen. Für mich schließt sich hier ein Kreis: Andreas Felger ist auch in Volkenroda sehr präsent. In der Betrachtung seiner Werke öffnen sich helle, tiefe Momente voller Ruhe und Leben.

Martin Schleske: psalmós - Die Weisheit der Psalmen. Illustriert von Andreas Felger. bene! Verlag 2025