21.02.2019

Serotonin

Inkognito

In dem Roman Sozusagen Paris von Navid Kermani (2016) hat er einen Cameo-Auftritt.

Mit leichenfahler Haut, tiefen Augenringen, herunterhängenden Schultern und dünnem, schulterlangem Haar, Kettenraucher offenbar auch, so tief er die Zigarette inhaliert, die er zwischen Mittel- und Ringfinger hält,

betritt er den Raum: der Mann der einstigen Jugendliebe des Ich-Erzählers. Nach einem nachtlangen Gespräch über Sexualität, Lebenskrisen, Literatur, durch das immer wieder Michel Houellebecqs damals gerade erschienener Roman Unterwerfung geistert, den man ja gelesen haben sollte (aus politischen, pädagogischen aber keineswegs literarischen Gründen – man müsse ja mitreden können!), scheint Houellebecq selbst, leibhaftig, einem Schreckgespenst gleich, im Raum zu stehen – und entpuppt sich als außerordentlich überraschender Gesprächspartner.

Nicht der zum Greifen nahe Beischlaf also steht am Ende dieses nicht ganz gelungenen Romans, sondern der überraschend handzahme Wiedergänger des französischen Autors. Houellebecq ist in diesem Setting das schlechte Gewissen und die unterdrückte Sehnsucht des Literaten: vom Leben und den Süchten gezeichnet, an der Liebe gescheitert, kein Intellektueller, nein, existentiell sein Werk lebend.

Skandalon

Michel Houellebecq ist seit Jahren der Bestsellerautor Frankreichs, auch hierzulande. Angesichts des Anfang des Jahres erschienenen Romans Serotonin fragt man sich: Warum eigentlich?

Vielleicht weil Houellebecq, wie es Johannes Franzen in der ZEIT schreibt, der Inbegriff des Skandalautors ist:

Man liest den neuen Roman dieses Autors eben nicht nur in der Hoffnung auf ein gutes Buch, sondern vor allem, weil die Lektüre eine Eintrittskarte zu dem Gespräch ist, das mit Sicherheit über dieses Buch geführt werden wird. Man liest, um mitreden zu können.

Das Skandalträchtigste an den Romanen von Michel Houellebecq war seit jeher das Spiel des Autors mit der Autofiktion.

Was ist Fiktion? Wo hört der Roman auf und fängt die Wirklichkeit an? Sind die Figuren seiner Bücher, mitunter sogar namensidentisch mit ihrem Schöpfer, reine Spiegelbilder des Autors? Oder sind, anders herum, die politisch zumindest fragwürdigen Stellungnahmen des Autors schlichtweg sich verselbstständigende Figuren-Zitate, also eigentlich Kunst im öffentlichen Raum? Ist das streckenweise schwer erträgliche Lamentieren seiner Figuren schlecht gemachte Rollenprosa, hinter denen der Autor überdeutlich hervortritt? Ist es wirklich so einfach – Houellebecqs Romane nichts als platte Bekenntnis-Literatur? Oder sind all die unglücklichen Existenzen mit ihrem Hang zur Verallgemeinerung Ergebnis übersteigerter ironischer Zuspitzung und literarischer Verwirrspiele?

Nicht wenig Zeit meines Studiums wandte ich dazu auf, der Konstruktion von Ausweitung der Kampfzone oder Elementarteilchen nachzusteigen, die für mich immer noch zu den wichtigsten Büchern ihrer Zeit zählen, weil sie mit ihren provokanten Thesen zurecht Stoff für endlose Diskussionen lieferten, ohne dass am Ende eine Position gestanden hätte, auf die man sich hätte verlassen können. Schillernd und kunstvoll lieferten diese Bücher ihre Leser offenen Fragen aus, die von ihrer Brisanz vielleicht bis heute nichts eingebüßt haben. Bernard Maris hat dazu einen anregenden Essay hinterlassen.

Houellebecqs Erfolg hängt damit zusammen, dass der Autor nicht nur ein feinfühliger Beobachter von Stimmungen ist, sondern dass er den Kommentar nicht mitliefert, wie das alles gemeint ist, auf welcher Seite der Autor selbst steht. Das macht, dass ihn jede Seite irgendwie für sich benutzen zu können meint.

Houellebecq ist als Autor deshalb so erfolgreich und wichtig, weil er die desaströsen Folgen des Neoliberalismus, das Gefühl einer seelischen Verarmung und neonkalter Entfremdung eindringlich auf den Begriff gebracht hat. In einem frühen Essay hat er sich sein eigenes Epitaph geschrieben: "Jemand hat in den Neunzigerjahren deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; unfähig, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch - als Zeugnis seiner Inkompetenz - einige Gedichte hinterlassen." –

so Alex Rühle in seiner Vorabbesprechung des Romans.

Anti-Depressivum

Nun, das einzig Skandalöse an Serotonin vielleicht ist, dass die bohrenden Fragen der Aufwärmung altbekannter Platitüden und der Variation ebensolcher Motive, einer ermüdenden Absehbarkeit und einer recht schludrigen Roman-Konstruktion gewichen sind.

Die Geschichte des "vorsätzlichen Verschwindens" dieses typischen houellebecqschen Protagonisten ist über weite Teile, nun ja, schlicht langweilig. Florent-Claude Labrouste, dieser Anti-Held, der sich als "substanzloses Weichei" und "Spielball der Umstände" bezeichnet, schluckt ja auch bereitwillig Anti-Depressiva, um dem Schmerz seiner Existenz zu entkommen. Das Serotonin also ist schuld an dieser weichgezeichneten, diesig grauen Weltsicht, durch die sich die Erzählung in monotonem Rhythmus und ohne Leidenschaft gräbt.

Die Menschen hatten sich in keiner Weise gegen mich verbündet; es war nur so gewesen, dass da eben nichts gewesen war, dass meine von Beginn an begrenzte Anhaftung an die Welt immer weiter geschwunden war, bis nichts mehr das Abgleiten verhindern konnte.

Mit den vertrauten Mitteln Houellebecqs, der abgeklärt wehleidigen Rückblende und einem abgestumpften Blick auf die kalte Gegenwart, verfolgen wir den Ich-Erzähler – wieder einmal – auf seinem Weg in die tiefe Einsamkeit, vorbei an vermeintlich idyllischen Inseln von Zweisamkeit und Glück, die indes ihre Überzeugungskraft, ihre Tragfähigkeit eingebüßt haben. Die Möglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen gibt es in der nahen Zukunft dieser Romanwelt nur in der Negation. Der Kapitalismus, die Globalisierung, die Individualisierung, die 68er, die Emanzipation, die EU – alle sind daran schuld.

Das Anti-Depressivum mit dem titelgebenden Wirkstoff Serotonin hat also den Blick der Romanfigur auf die Welt fest im Griff – doch was ist mit dem Blick und der Kraft des Autors?

Tod

Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.

Zahllose Frauen gibt es in diesem Roman, die auseinanderzuhalten schier unmöglich scheint. Nacheinander, zum Verwechseln ähnlich und merkwürdig unmotiviert wie in einer Nummernrevue haben sie ihren Auftritt, meist verlassen sie die Bühne ebenso schnell wie sie gekommen sind. Das Leben surrt in der Rückblende zusammen auf wenige Augenblicke der Intensität, die nie auf Dauer angelegt war.

Und es erhält einen gnadenlosen Unterton durch die politischen und ökonomischen Zwänge der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Nicht umsonst nannte Maris den befreunden Autor in seinem Essay einen "Ökonomen". Houellebecqs Protagonisten sind die logische Konsequenz einer kühl kalulierenden Gesellschaftsordnung, und als solche mögen sie durchaus als Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklungen durchgehen. Manche sprechen an dieser Stelle gern von Prophetie, dabei versteht Houellebecq nur, die Zeichen der Zeit genau zu lesen. In Serotonin entsteht daraus jedoch keine Gesellschaftsanalyse mehr, kein mehr oder weniger scharf gezeichnetes Bild – eher ein dumpfes Grollen in den Eingeweiden der Figuren.

"Schuld" ist das Anti-Depressivum?

Dabei weiß der Roman durchaus mit großartigen Szenen aufzuwarten. Wie der Erzähler seine größte Liebe stalkt, mit geladenem Gewehr im Kofferraum und dem Sohn der einstigen Geliebten im Visier, oder wie die Landwirte den Aufstand proben und es zum Schusswechsel kommt – das ist von beklemmender Intensität. Doch wie in der Welt des Romans ist diese Intensität nicht von Dauer. Serotonin schnurrt im Rückblick auf wenige gelungene Seiten zusammen.

Fazit

Wer hier nun Provokation wittert, liegt ebenso fehl wie der, der große Literatur erwartete. Man muss diesen Roman nicht lesen. Aber man kann. Nur dass die Feuilletons ihn zum Skandal aufzublasen versuchen, wirft ein merkwürdiges Licht – nicht auf den Roman sondern auf unsere hyperventilierende Debattenkultur. Gibt es denn nichts Wichtigeres, worüber zu reden wäre?


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