15.09.2014

Was Sie schon immer über Chaplin und Churchill wissen wollten

Michael Köhlmeier würde lügen, sobald er den Mund aufmacht, hieß es in einer Besprechung auf Deutschlandradio Kultur. Zwei Herren am Strand ist indes nicht ganz so ein „Schelmenroman“ wie Die Abenteuer des Joel Spazierer.

Dabei fängt alles so schelmisch an.

Die Begegnungen zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill schildert der Erzähler knapp, aber voller Vertrauen in die vermeintlichen Fakten, gleichwohl er schon am Ende des ersten Kapitels zugibt:

Dies alles habe ich über meinen Vater erfahren.

Prompt beginnt die Erfindungsmaschinerie an Fahrt aufzunehmen, die sich an nur wenigen historisch verbürgten Ereignissen entlang hangelt; umso fragiler die Faktenlage, desto verstiegener die Behauptung bzw. Erklärung der zugrundeliegenden Quellen: aus der reichlich zufälligen Bekanntschaft seines Vaters mit dem „very private Private Scretary“ von W.C. hätte sich eine intensive Brieffreundschaft entwickelt,

die es auf zwei bis drei nicht selten an die zehn Seiten umfassende Schreiben pro Woche und Person brachte und zehn Jahre hielt,

und neben anderen - nicht weniger ominösen - Referenzen als hauptsächliche Quelle des in diesem Buch Geschilderten herhalten muss.

Der schwarze Hund

Im zweiten Teil des fünfaktigen Schauspiels, das von Köhlmeier meisterhaft in Szene gesetzt wird, klopft das Thema das Buches auf erschütternde Weise an die Tür: „Der schwarze Hund“ - die Depression, die Chaplin wie Churchill ihr Leben lang verfolgte. Es geht tief hinab in die Abgründe der menschlichen Seele und in die Abgründe des 20. Jahrhunderts, in die Regionen tiefster Ängste und Verzweiflung.

Der Kampf Chaplins mit seinem Alter-Ego, dem Tramp, ist überraschend wie bewegend. Das künstlerische Schaffen als ein Drahtseilakt, als permanentes Trotzdem; wie jeder fertige Film nur knapp dem Tod im Schneideraum entrinnt; dem ringt Köhlmeier Szenen ab, deren Komik einem immer wieder im Hals stecken bleiben will.

Während Chaplin in der zweiten Hälfte des Romans mit seinem Great Dictator den Kampf gegen Hitler aufnimmt, führt Churchill sein Land in den Krieg gegen Deutschland - und kämpft, unterstützt von seinem „private Private Secretary“ ebenso gegen die immer wiederkehrenden Schatten, denen er kaum zu entziehen weiß. Mit Chaplin hat er, nach ihrem ersten Spaziergang (ihrem ersten „duck-walk-talk“) am Strand von Santa Monica, eine Allianz geschlossen:

Wir wollen einander versprechen, dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt.

Die Methode des Clowns

Köhlmeier fantasiert sich aus dieser Erfindung heraus eine Charakterstudie, die aus wenigen Fakten Funken schlägt und erhellt, wie Politik und Kunst (im Idealfall) ineinandergreifen; indem sich kaum auseinanderhalten lässt, was hier Faktum und was Fiktion ist, entsteht genau jene Distanz, um die es hier eigentlich geht:

Die Methode des Clowns ist weder komisch noch besorgniserregend und auch nicht entsetzlich - jedenfalls nicht, wenn sie wirkt; das heißt, wenn es mit ihrer Hilfe gelingt, die Depression zu vertreiben…

Auch der Ich-Erzähler macht sich diese Methode am Ende zunutze; im (wiederum erfundenen) Dialog mit seinem Vater erfindet sich dessen Geschichte fast im Alleingang. Und siehe: Der Schelm ist, wieder einmal, der Erzähler.


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