Sommer 24

„Von einigen Begebenheiten der letzten Monate“ möchte Navid, der Ich-Erzähler in Navid Kermanis schmalem neuen Roman berichten. Er hätte gerade ein Buch abgeschlossen und verbringe nun einige Wochen am Mittelmeer, ohne Internet, so schreibt er zu Beginn, um entweder nur zu lesen oder ein neues Buch zu beginnen. Nun, Navid Kermani, der hier ein weiteres Mal mit den Möglichkeiten der Autofiktion spielt, hat sich scheinbar für letzteres entschieden – und ein Buch über den Sommer 24 geschrieben.

Sommer 24: Neben den Ukrainekrieg ist der Krieg in Gaza getreten, andere Konfliktherde, die Kermani aus eigener Beobachtung kennt, spielen dabei in Europa immer noch keine große Rolle (Sudan, Äthiopien etwa); in Amerika ist nicht nur die Wiederwahl Trumps offen sondern zu diesem Zeitpunkt sogar, wer eigentlich sein Herausforderer sein wird. Deutschland zittert vor den kommenden Landtagswahlen, aus denen rechtsextreme Parteien als Sieger hervor gehen könnten. Und Navid Kermani?

Navid Kermani: Sommer 24. Hanser-Verlag 2026

Kermani, der in den letzten Jahren vor allem mit leidenschaftlichen Reden und erschütternden Reportagen von sich reden machte, versucht, diese turbulente Gegenwart, die uns näher und näher rückt, während gesellschaftliche und politische Gewissheiten ins Rutschen kommen, mit den Mitteln der Fiktion scharf zu stellen. Und mit ganz privaten „Begebenheiten“. Der Roman glückt ihm dabei nicht – ins Erzählen, wie in seinem beeindruckenden Großwerk Dein Name, kommt sein Erzähler gleichen Namens bei allen Zweifeln und Selbstbefragungen nicht. Das wiederum macht dieses Buch aber durchaus lesenswert.

"Da ist so viel Schmerz."

Die erste Begebenheit, von der Navid zu erzählen versucht, ist der Freitod eines schwerkranken Münchner Galeristen. Einst eng befreundet, hatten sich die beiden entfremdet, als Rudolf, Kind jüdischer Holocaust-Überlebender, mit der AfD sympathisiert und zunehmend radikale Positionen z.B. auch im Gaza-Krieg vertritt, die für Navid kaum noch erträglich sind.

Dem stellt der Erzähler mit der Hochzeit einer Tochter eines anderen Freundes ein zweites Ereignis in jenem Sommer gegenüber, das angesichts der allgegenwärtigen Brüche von einst Selbstverständlichem wie eine Utopie wirkt:

„Was war das Geheimnis? Wohl nicht nur der Ort, seine Ferne, seine Schönheit, das Meer. (...) Es war, ich mag es kaum aussprechen, es war die bürgerliche Form, die alles zusammenhielt.“

Von der Hochzeit reist Navid nach Äthiopien, wo er u.a. die Frühgeborenen-Station eines Krankenhauses besucht. Hier zeigt sich die Meisterschaft des Reporters, der auf seinen Reisen in Krisengebiete persönliche Betroffenheit, Empathie und und Mitgefühl mit Analyse und Anklage zu verbinden weiß wie kaum ein anderer.

Es kann kaum schmerzhafter werden, denkt man sich – da trifft Navid auf Julia (Name natürlich geändert). Jahrzehnte zuvor hatte er die von ihr erlittene Vergewaltigung literarisch verarbeitet (ohne ihr Einverständnis) – nun wirft sie ihm Missbrauch vor. Zurecht? Der Autor und Mann Navid versteht die Welt nicht mehr, fühlt sich ungerecht behandelt, wehrt sich gegen die Vorwürfe – und kommt doch ins Grübeln. Es sind diese Seiten zum Ende des Buches hin, auf denen das Spiel mit der Autofiktion, das in weiten Teilen von Sommer 24 recht ungelenk, ja konstruiert daherkommt, aufgeht. Gerade in dem Spalt zwischen dem Erzähler und seinem Autor lässt sich erahnen, welche Herausforderung das Befragen der eigenen männlichen Identität für jemanden ist, der sich als reflektiert und aufgeklärt wahrnimmt, gar als Feminist bezeichnen würde – und doch zusehen muss, wie seine Freundin ihn verlässt.

„Etwas muss mich umtreiben oder mich sorgen oder sosehr verängstigen, dass ich die Anklage, meine Erzählung sei eine Vergewaltigung gewesen, hier Seite um Seite abwehre.“