Den Herz-Geist entfalten
Zen-Gedichte für Meditation und Alltag
Zugegeben: Ich stehe Büchern zum Thema Zen sehr skeptisch gegenüber. Zen ist eine Praxis, die nicht viele Worte braucht. Und in vielen zeitgenössischen Veröffentlichungen zum Zen finden sich dann doch schnell die immer wieder gleichen Allgemeinplätze, die – um mit einem im Zen beliebten Bild zu sprechen – nicht einmal der Finger sind, der auf den Mond zeigt. Neben Meister Dōgen und Brad Warner sind es doch ein paar wenige Klassiker, die ausreichen für die Praxis auf dem Kissen: Shunryu Suzuki oder (mein Erstkontakt mit Zen vor 30 Jahren) Taisen Deshimaru-Roshi. Alles andere wäre Prokrastination und ein Umweg auf dem kurzen Weg zur Praxis: Sit down and shut up (Brad Warner).
Wo die Gefahr besteht, zu viele Worte zu verschwenden, ist die Lyrik ein idealer Weg. In der Verkürzung auf das Wesentliche, im Vertrauen auf ein einfaches Bild statt langwieriger Erklärung, in der formalen Zuspitzung und in der Stille zwischen den Zeilen sind Gedichte möglicherweise tatsächlich die bessere Zen-Literatur? Nicht umsonst werden in vielen Zen-Linien traditionelle Texte rezitiert, die sich aus heutiger Sicht durchaus als Gedichte lesen lassen.
Der in der Schweiz lebende Philosoph und Zen-Lehrer Peter Widmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Zen-Gedichten. In einem schmalen Band ist nun eine Auswahl dieser Gedichte erschienen, verbunden mit kleinen essayistischen Meditationen über den jeweiligen Text, die zum Teil aus Teishos (Vorträgen während eines Zen-Sesshins) entstanden sind. Es finden sich nicht die auf den ersten Blick naheliegenden Haikus und Tankas, sondern Gedichte in freieren Formen: "verdichtete Weisheit, die Herz und Geist öffnet", so Widmer.
"Die Welt ist laut. Unser Geist ist oft erfüllt von Ablenkung, ständiger Bewegung, endlosen Gedankenströmen. Wie sehr sehnen wir uns da nach einem Ort der Stille – einem Raum, in dem alles Überflüssige abfällt und wir zu Essenz des Lebens vordringen können. Zen-Gedichte sind solche Orte."
Ich erwartete unter diesem Titel tatsächlich eine Sammlung von Haikus und anderen bekannten Gedichtformen aus der japanischen und chinesischen Tradition. Stattdessen beinhaltet der Band jede Menge Entdeckungen. Gedichte von Meister Dōgen? Stimmt: die finden sich zuhauf im Shōbōgenzō. Schon immer nutzten Zen-Meister kurze lyrische Texte, um Naturbilder und (enigmatische) Erkenntnisse zu verbinden. Vergänglichkeit, Mitgefühl, Stille, Erwachen, tiefes, einfaches Glück: all das spiegelt sich in den kurzen Zeilen, die Widmer auf seiner Reise durch die Jahrhunderte ausgewählt hat. Der Affe und der Mond, der Wassertropfen und der Wind, die Berge und der See – die Motive sind bekannt, doch die Gedichte sind überraschend vielfältig und überschreiten nie die – durchaus nahe liegende – Grenze zu Kitsch und Klischee. Rita Böhm hat jeweils passende Bilder in der Sumi-e-Technik dazugestellt, was das Buch nicht nur optisch aufwertet.
Die Kraft der von Widmer versammelten Texte liegt in der Kürze und der Einfachheit. Er sieht sie als Wegweiser in die Stille, in die Gegenwart, in kurze Momente des Erwachens. Niklaus Brantschen empfiehlt in seinem Vorwort, die Gedichte auswendig zu lernen. In mit einem Gedicht von Shide aus dem 7./8. Jahrhundert gibt Widmer gleich am Anfang eine Anleitung mit, wie Zen-Gedichte gelesen werden sollten: Genau. Langsam. Gründlich. Und immer wieder.