Giftiger Grund

Als Joran nach sieben Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, ist er fest entschlossen, neu anzufangen. Doch schon die Heimfahrt mit dem schweigenden Vater macht deutlich: Die Vergangenheit ist längst nicht erledigt. Ganz im Gegenteil: Kaum zuhause angekommen, empfängt der Vater den Mann, dem Joran sieben Jahre zuvor ein Messer in den Bauch gerammt hat, und fordert, dass sein Sohn weiterhin für seine Schuld bezahlt. Joran zieht aus, kaum dass er eingezogen ist, und verbringt die ersten Wochen in Freiheit in einem eigentlich zu teuren Hotelzimmer. Er kann tun was er will: die Vergangenheit hat ihn fest im Griff.

Wie schon in seinem furiosen Verlagsdebüt Das Haus in dem Gudelia stirbt hat sich Thomas Knüwer auch für seinen zweiten Roman für einen Ort entschieden, der das Leben seiner Protagonist*innen nachhaltig prägt. In Giftiger Grund ist es eine Tankstelle, in der drei Jugendliche einen Raubüberfall verüben – nur dass da leider ein Mann im Weg ist, der Joran ins Messer läuft. Joran hat denn auch die längste Haftstrafe der drei absitzen müssen – die Freunde von damals sind längst wieder draußen. Der eine dealt, der andere: ist tot. Und auf giftigem Grund lässt sich nur schwer etwas Neues errichten.

Die Tankstelle, Ort des einstigen Geschehens: mittlerweile eine leerstehende Ruine am Waldrand. Sie weckt das Interesse von Charu, die als “Urban Explorer“ für ihre Follower in den sozialen Medien Lost Places mit der Kamera in Szene setzt. Nur dass in der Nacht, in der sie ihre Ausrüstung in der alten Waschstraße der Tankstelle aufbaut, so einiges Unvorhergesehenes geschieht…

Thomas Knüwer lässt sich viel Zeit, abwechselnd die Wege seiner beiden Figuren zu verfolgen. Dabei erzeugt er extrem viel Spannung allein dadurch, dass man als Leser mit Joran und Charu mitfiebert, wie sie versuchen, alles richtig zu machen, und ihren jeweiligen Abgründen doch immer unaufhaltsamer entgegengehen. Jorans Geschichte ist dabei eigentlich eine vorhersehbare Variation der Geschichte vom Ex-Knacki, der unweigerlich wieder im Knast landen wird (was die Statistik ja bezeugt); Charu hingegen steht für einen Lebensentwurf zwischen Freiheitsglauben und digitaler Selbstvermarktung, der von Knüwer mit viel Sachkenntnis nachgezeichnet wird. Und dann gibt es da noch ein geheimnisvolles Mädchen, das nachts in der Waschhalle auftaucht…

Es entsteht im Laufe weniger Nächte einer Schicksalsgemeinschaft, die unaufhaltsam auf eine scheinbar unvermeidbare Katastrophe zusteuert; vielleicht aber braucht es auch die Katastrophe, um die Schrecken der Vergangenheit zu bannen… Spannende, gewaltige, fast kathartisch anmutende Krimikost!

Thomas Knüwer: Giftiger Grund. Droemer Knaur 2026